Der unabhängige IT- und Tech-Kanal!
internet.board.entertainment.games.hardware

Interview mit tape.tv: Musikvermarktung der Zukunft?

Seit Aufkommen von Napster sind die Umsätze der Musikwirtschaft in Deutschland um über vierzig Prozent zurückgegangen. Wir haben den bekennenden Creative Commons-Fan Conrad Fritzsch gefragt, ob ein Musikinternetfernsehsender wie tape.tv daran etwas ändern könnte.

In den letzten zehn Jahren litten vor allem kleinere Labels und die Künstler selbst unter der aktuellen Urheberrechtsproblematik. Musik kann verlustfrei dupliziert werden, was früher undenkbar gewesen wäre. Das Internet und seine rasante Entwicklung hat die starren Gebilde der Plattenfirmen völlig überrannt. Bevor die oftmals vergreisten Chefetagen die Zeichen der Zeit erkannten, war es schon zu spät. Es ist für viele normal geworden, sich anderweitig Musik und andere digitale Medien zu besorgen. Downloaden ist nicht mehr gleichbedeutend mit kaufen. Die wenigsten Kids bezahlen für Singles oder Alben. Gefragt sind nun unter anderem neue Vertriebsmodelle, die den herkömmlichen Verkauf von physischen Tonträgern und digitalen Medien ergänzen können. Einnahmen durch Musikfernsehsender können die Verkaufserlöse sicher nicht ersetzen.

Dennoch drängen Angebote wie spotify, putpat, tape.tv, Qtom und andere mit Gewalt auf den Markt. Sie könnten vielleicht schon bald die herkömmlichen Musiksender im Fernsehen ersetzen, die sich heutzutage weniger durch anspruchsvolle Inhalte denn durch ihre nervige Klingeltonwerbung hervortun. Wir haken mal bei Conrad Frizsch, dem Geschäftsführer des Internet-Senders tape.tv nach.

Lars Sobiraj: Wie ist es zur Gründung von tape.tv gekommen? Vielleicht magst du auch etwas über dich erzählen?

Conrad Fritzsch: Conrad Fritzsch, 40 Jahre alt geboren in Berlin. Nach einem Volontariat an der DFF und meinem Regie-Studium an der Filmhochschule Babelsberg habe ich 1993 die Werbeagentur Fritzsch & Mackat gegründet und als geschäftsführender Gesellschafter die Kreation geleitet. Nach 15 Jahren im Werbegeschäft habe ich dann im Juli 2008 zusammen mit Stephanie Renner tape.tv gegründet. Unsere Idee war es, den Musikfernsehsender des digitalen Zeitalters zu schaffen – mit einem guten Programm und finanziert durch innovative Werbeformen. Ganz klar, dass unsere Leidenschaft zur Musik und zu Musikvideos dabei eine sehr große Rolle gespielt hat.

Lars Sobiraj: Wie wird sich tape.tv von der Konkurrenz abheben? In anderen Ländern sind Anbieter wie Mog, last.fm & Spotify auf dem Vormarsch. In Deutschland QTom, putpat & Co.

Conrad Fritzsch: tape.tv ist das Musikfernsehen von morgen. Die Kombination von Inhalt, Form und Art der Verbreitung ist bei tape.tv einzigartig. Der User von tape.tv hat einen großen Vorteil, denn er muss nicht als Musikspezialist zu uns kommen. tape.tv bedeutet: Deine Musik findet Dich. Im Wettbewerb setzen wir deutlich auf redaktionelle Kompetenz. Neben der Möglichkeit, sich seinen eigenen Stream zusammenzustellen, bieten wir auch für den unentschlossenen Musikhörer immer das richtige Programm. Der Zuschauer von tape.tv kann sich zurücklehnen und 24 Stunden am Tag eine Zusammenstellung guter Musik genießen. Er verrät uns ein wenig, welche Musikvideos er mag und wir bieten ihm dann mehr davon an. Darüber hinaus spielt unser Image als Marke eine Rolle. Der einprägsame Name und die klare schwarz-weiß Optik funktionieren aufmerksamkeitsstark und differenzierend. Last, but not least: Wir gehen dahin, wo der User schon ist. Seit seiner Gründung gewinnt tape.tv immer mehr strategische Kooperationspartner wie Internet-Plattformen, Online-Netzwerke oder klassische Medienunternehmen. Zu den über 20 Kooperationspartnern gehören Spex, bild.de, Bravo, brigitte.de, bym.de, Radio Fritz vom rbb und stern.de.

Lars Sobiraj: Okay, ich entnehme deiner Antwort, dass du lange in der Werbebranche gearbeitet hast. ;-) Wann ist denn euer Angebot komplett fertig? Oder anders gefragt: Was kommt noch alles auf uns zu?

Conrad Fritzsch: Das Medium Internet verlangt von tape.tv als modernen Musikfernsehsender quasi nie komplett fertig zu sein. Stillstand wäre hier der sprichwörtliche Tod. Wir wollen unseren Zuschauern immer neue Ideen und Angebote präsentieren. Wir wollen auch morgen noch das Musikfernsehen von morgen sein. . . Zurzeit strukturieren wir den Ausbau unserer Redaktion, planen zahlreiche Contentformate und tüfteln an interessanten Apps und Browser-Features. Neue Kooperationen stehen mit anderen Musikmedien an und wird werden Ende des Jahres mit einer Musiksendung im ZDF zu finden sein. Es bleibt also spannend.

Lars Sobiraj: Mitbewerber QTom setzt auf Silverlight, ein proprietäres Plug-in von Microsoft. Macht es Sinn, dass die Musikfans zusätzliche Software für ihren Browser installieren müssen? Wie muss ein Portal beschaffen sein, um die Zuschauer anzulocken?

Conrad Fritzsch: Die Installation zusätzlicher Software macht in meinen Augen wenig Sinn. Der Zuschauer im Internet möchte gerne ad hoc auf ein Angebot zugreifen können und nicht erst einen Download- und Installationsvorgang tätigen, bevor es losgeht. Wird der durchschnittliche Internetnutzer auf der Suche nach Unterhaltung mit komplexen Vorgängen konfrontiert, verliert er Interesse. Ein Portal muss dem User etwas Einzigartiges bieten, damit er es besucht, dabei aber auch so leicht bedienbar sein wie möglich.

Lars Sobiraj: Hat MTV, wie es in eurer Pressemitteilung steht, wirklich ausgestrahlt? Welche Vorteile hat der interaktive Musikgenuss denn gegenüber dem regulären Fernsehprogramm?

Conrad Fritzsch: MTV hat als Musikfernsehsender seit geraumer Zeit seine glaubwürdige Verbindung zu Musik und Musikvideos verloren. Das liegt aber eher am geringen Musikgehalt des Programms als am Medium Fernsehen an sich. Die Tätigkeit Fernsehen ist großartig und es wird sie immer geben – eben nur in veränderter Form. So wird tape.tv schon bald auf IPTV-tauglichen Geräten zu finden sein. Der Zuschauer möchte gerne fernsehen und gleichzeitig über einen funktionierenden Rückkanal eingreifen können. Da bietet die Kombination von Internet und Fernsehen aufregende Möglichkeiten. Demnächst verrate ich hierzu gerne noch mehr!

Lars Sobiraj: Das wird sicher dauern, bis sich das durchsetzt. Mike Masnick von techdirt behauptet hingegen, man müsste die Fans lediglich näher an ihre Stars bringen und ihnen einen Grund geben, Geld für Musik auszugeben. Sein Motto lautet: Connect with fans, reason to buy! Ihr habt mehr Unique Visitors als die Website von MTV - wie werdet ihr das im Detail bewerkstelligen?

Conrad Fritzsch: Die Verbindung zwischen Fan und Künstler ist wichtig und findet heutzutage hauptsächlich im Internet statt. Die Möglichkeit der Interaktion steht hierbei im Vordergrund genauso wie die Nähe durch Inhalte. Beides hilft eine Beziehung zu einem Star aufzubauen und das macht es für Fans plausibler, für ihre Künstler und deren Produkte Geld auszugeben. Wer diese Verbindung forciert, sollte dann natürlich auch die Produkte direkt anbieten. tape.tv will dabei aber nicht als bloße Plattform agieren, sondern ein wichtiger Knotenpunkt in dieser Star-Fan Verbindung sein. Wir bieten primär eine neue visuelle Heimat für Fans, Künstler und Musikvideos.

Lars Sobiraj: Womit du noch keinerlei Details verraten hast ... Beim Konkurrenten Spotify sind derzeit nicht mal vier Prozent aller Zuschauer bereit, für deren Service Geld zu bezahlen. Wie wird dein Team genügend Besucher dazu bekommen, 10 Euro monatlich zu investieren?

Conrad Fritzsch: Es ist kein Geheimnis, dass die Bereitschaft für ein Produkt zu zahlen durch dessen Mehrwert gespiegelt wird. Der gebotene Service muss einen großen Nutzen für den User haben. Solch ein Premium-Service könnte die Möglichkeit sein, Videos exklusiv, werbefrei oder als besonderes Produkt verpackt abzurufen. Die Finanzierung durch Freemium Services ist für tape.tv aber nur eines von fünf Modellen. Werbung bleibt weiterhin unsere primäre Einnahmequelle.

Lars Sobiraj: Würdest du sagen, dass derzeit der Wert von Musik abnimmt? Gerade viele jüngere Musikfans benutzen die illegalen Tauschbörsen im Internet. Kommt es aus der Mode, Musik zu kaufen?

Conrad Fritzsch: Ganz im Gegenteil, kaufen ist einfacher geworden als klauen und das zahlt sich aus. Bitkom hat diesen Monat eine Meldung veröffentlich, dass die Branche neue Rekorde mit dem Download von Musik erzielt. Die Deutschen haben letztes Jahr 51 Millionen Lieder und Alben herunter geladen und damit ein Umsatzplus von 40 Prozent erreicht. Musik kann immer Wert schöpfen – nur die Geschäftsmodelle müssen vor allem eines für den User sein: einfach.

Lars Sobiraj: Hoffen wir, dass dieser Zuwachs die Verluste der letzten Jahre bald ausgleichen kann. Die Grünen würden gerne eine Medienabgabe in Form einer Kulturflatrate einführen, der BVMI spricht sich für die Three-Strikes Gesetzgebung aus. Welche Lösungen schweben euch denn zur Lösung der Urheberrechtsproblematik vor?

Conrad Fritzsch: Ich bin Anhänger von Creative Commons, einer Non-Profit-Organisation, die in Form vorgefertigter Lizenzverträge, eine Hilfestellung bei der legalen Verbreitung von Internetinhalten anbietet. Mit diesen Verträgen können die Urheber von Bildern und Texten etc., der Öffentlichkeit unterschiedliche Nutzungsrechte einräumen.

Lars Sobiraj: Wagen wir einen Blick in die Glaskugel. Was glauben Sie, wie der Musikkonsum in fünf bis 10 Jahren aussehen wird?

Conrad Fritzsch: Der Musik-Futurist Gerd Leonhard beschreibt, dass Musik in der Zukunft wie Wasser konsumiert wird. Das bedeutet, dass Musik wie Leitungswasser umsonst oder zu geringen Preisen im Netz zu finden sein wird. Ähnlich wie es beim Wasser aber auch hochwertige Marken wie Perrier oder San Pellegrino gibt, wird es im Bereich Musik ein Serviceangebot geben, für die der Kunde bereit sein wird, entsprechend zu zahlen. Schon heute möchte der User nicht alles an Musik haben, was er theoretisch downloaden könnte. Er möchte einfach seine Musik finden.

Lars Sobiraj: Dann wollen wir hoffen, dass die Fans bei euch fündig werden. Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg für euer Projekt!

Derzeit weht den Machern von interaktiven Musiksendern im Web ausgerechnet von Warner Music eine streife Brise ins Gesicht. Der Grund? Das Major Label will seinen Katalog künftig nicht mehr für kostenlose Streamingangebote hergeben. Hoffen wir, dass dies in der Branche keine Nachahmer finden wird. Ansonsten wird man auch auf diese neuartige Einnahmequelle verzichten müssen.

Lars Sobiraj am Samstag, 27.02.2010 17:21 Uhr

tagsTags: putpat tape.tv warner music qtom

Bookmark and Share
Rating Rating Rating Rating Rating
vgwort
 
Weitere interessante News
11 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • csLestard am 01.03.2010 11:08:19

    Mag schon sein, dass es die meisten Leute installiert haben. Aber ein Web-Standard gleichzusetzen mit HTML, CSS oder JavaScript ist es nicht. Hab ja ansich auch nix gegen Flash. Aber wenn der im Interview noch zusätzlich hervorhebt, wie doof er doch zusätzlich zu installierende Plugins findet, da ...

  • Ghandy am 01.03.2010 10:25:54

    Ich wollte gerade sagen, Flash hat doch wirklich jeder nach kürzester Zeit auf seinem Browser drauf. ...

  • Terrors am 28.02.2010 16:43:32

    seine Webseite setzt aber auf Flash, was letzlich genau die Gleiche Kategorie ist wie Silverlight. Im Zeitalter von Youtube und Facebook ist der Flashplayer doch standard... jeder laie hat den mal auf seinem pc installiert. Silverlight hingegen haben viele Alltagsu ...

  • Toilettenmann am 28.02.2010 16:36:28

    sorry aber das interview ist mehr als schlecht, es sind keine details oder anregungen auch keine leidenschaft zuerkennen, vielmehr ist es eine billige werbeaktion. hier zeigt sich mal wieder die oberflächigkeit, ich würde mir wünschen das gulli wie in den anfängen mal mehr boren würde, mehr hin ...

  • McK73 am 28.02.2010 13:45:03

    putpat ist da schon um einiges weiter sieht wirklich besser aus. Doch wie ist die Chance nen Betazugang zu bekommen? ...

weitere Kommentare lesen     Nachricht kommentieren

 
Fotostrecke
News [Kurioses]

Apple filterte den Begriff "Jailbreak" im iTunes Store

Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr

befreit: ipad 3 & iphone 4s

Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.

mehr mehr lesen...

Browsergames
Gondal World

TOPTIPP: Gondal World

Kämpfe als Held in diesem einzigartigen Fantasy Game. Viele Gefahren und Abenteuer erwarten dich! Escaria spielen

Escaria

Escaria

Erschaffe deine eigene Insel und erobere die Welt. Krieg oder Wachstum - deine Strategie entscheidet! Escaria spielen

Artyria

Artyria

Werde Gladiator und kämpfe im antiken Zeitalter um Ruhm und Ehre. Gehe Bündnisse mit anderen Spielern ein und kämpft gemeinsam gegen die schrecklichen Barbaren. Artyria spielen

Gondal

Gondal

Ziehe als einsamer Waldläufer oder an der Seite von Kampfgefährten in einem Fantasy-Spiel von Abenteuer zu Abenteuer. Gondal spielen

Last Emperor

Last Emperor

Tritt gegen legendären Samurai aus Japan des 19. Jahrhundert an und werde der gefürchtetste aller Samurai. Last Emperor spielen

Nightcreeps

Nightcreeps

Tritt in eine epische Schlacht zwischen Werwölfen und Vampiren, in der nur die Stärksten überleben werden, ein. Nightcreeps spielen

gulli:picsArtikel empfehlengulli RSS News Feedsgulli RSS NewsPresso Feedsgulli:Newslettergulli twittertgulli bei facebookgulli:news im AppStoreSeitenanfang