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RIAA vs. Jammie Thomas-Rasset: Die Plädoyers beider Seiten

Die beiden Seiten im Rechtsstreit Thomas-Rasset gegen Capitol Records haben ihre Plädoyers gehalten. Nun muss die Jury eine schwierige Entscheidung treffen. Auch wir haben die Kernpunkte zusammengetragen, damit unsere Leser ihre ganz persönliche Entscheidung treffen und darüber diskutieren können.

Die Jury wurde durch die beiden Plädoyers regelrecht mit Informationen ertränkt, wenngleich beide den Fall nicht vollständig erklären konnten. Zuerst hatte - wie dort üblich - die Verteidigung das Wort durch Joe Sibley. Danach folgte Tim Reynolds für die Seite der Kläger, die auch das letzte Wort hatten. Für die Verteidigung gibt es keine Möglichkeit mehr, sich zu deren Feststellungen zu äußern.

Joe Sibley, der Verteidiger von Jammie Thomas-Rasset:

Der Verteidiger vermied es während des gesamten Plädoyers auf technische Aspekte einzugehen. Er begrenzte sich vielmehr darauf festzuhalten, dass, selbst wenn die Beweise echt seien, diese lediglich auf Thomas-Rassets Computer verweisen würden. Seine Mandantin sollte dafür jedoch nicht bestraft werden.

Der Lebensgefährte Kevin Havemeier war kontinuierlich in Kontakt mit Thomas-Rasset, bestätigte jedoch, dass er sie nie von KaZaA sprechen hörte oder es sie gar nutzen sah. Er hätte mit Sicherheit Kenntnis davon gehabt, wenn dem so gewesen wäre.

Die Jury war sein nächstes Ziel. Als diese zum Verfahren und die Inhalte befragt worden waren, erklärten viele, dass Freunde ihnen schon einmal Musik aus dem Internet heruntergeladen hätten. Thomas-Rasset erklärte daraufhin, dass sie nicht beweisen können, dass nicht doch eine dritte Person ihren PC benutzt hat. Sibley erklärte der Jury daher im Plädoyer, dass es "bessere Beweise" gegen einzelne Mitglieder der Jury gäbe, als gegen Thomas-Rasset in diesem Prozess.

Die CDs, die sich im Besitz seiner Mandantin befinden, fanden ebenfalls Einzug. Viele der Songs die MediaSentry im KaZaA-Verzeichnis gefunden hatten, befanden sich als physische Datenträger im Besitz von Thomas. Wieso sollte sie also Musik stehlen, die sie bereits besitzt? Auch habe sie CDs nur ins WMA-Format gerippt, nicht jedoch MP3 - wie alle Dateien im KaZaA-Verzeichnis.

Ihre Best Buy Einkäufe würden außerdem verdeutlichen, dass sie eine ehrliche Kundin und Käuferin ist, die gerne für Medien bezahlt. Wenn sie solch ein Fan von KaZaA war, wieso ging sie dann überhaupt noch los, um digitalisierbare Werke zu kaufen?

Der Username schien einer der markantesten Punkte zu sein, auf den die Kläger aufbauten. Sibley erklärte jedoch, dass "tereastarr" als Nutzername seiner Mandantin der gesamten Familie bekannt gewesen ist. Zudem habe ihr Ex-Ehemann den PC mit dem fraglichen Benutzerkonto eingerichtet. Um dies zu differenzieren, fragte er, wieso Thomas-Rasset ihren Windows-Benutzernamen für ihre illegalen Aktivitäten hätte nutzen sollen.

Die Problematik um die kaputte Festplatte versuchte Sibley ebenfalls zu entwirren. Wieso sollte Thomas-Rasset zwei Wochen mit dem Austausch gewartet haben, wenn sie doch bereits kurz nach der Mitteilung durch MediaSentry die Möglichkeit gehabt hätte, jedwede Beweise zu vernichten? Auch sei das Laufwerk wirklich defekt gewesen.

Die Jahreszahlen 2004 und 2005 schienen Thomas ebenfalls einen Streich zu spielen, da sie mehrfach ausgesagt hatte, dass die Festplatte bereits 2004 und nicht erst 2005 ausgetauscht wurde. "Und jetzt? Bloß weil sie ein schlechtes Erinnerungsvermögen hat, bedeutet dies nicht, dass sie es auch war!" (also die Tat begangen hat)

Die beiden letzten Punkte hatten eine gewisse künstlerische Ader, wie man es eigentlich nicht erwarten möchte.

Zum einen sei die Plattenindustrie zu einer herzlosen Maschine verkommen, deren Bosse "in einen Jet in New York oder LA hüpfen, um wieder nach Hause zu kommen." Die einzig wahre Mitteilung, die sie verbreiten wollen, ist: "Wenn wir sagen, dass du es warst, dann warst du es!" Jeder der ihren Forderungen nicht Folge leistet wird von ihnen "verfolgt wie vom Terminator."

Auch Gott musste herhalten: "Es könnte jedem von uns passieren", erklärte Sibley der Jury. Wenn ein Kind oder dessen Freund ein Musikstück auf den PC herunterlädt, könnte man sich schnell in einem ähnlichen Verfahren wiederfinden - mit denselben Beweisen. "Durch Gottes Gnade könnte ich es sein", schlussfolgerte er und erklärte, dass es ein Hohn wäre, wenn Thomas-Rasset deshalb zu einem "finanziell zerstörten Leben" verurteilt würde.

Tim Reynolds, der Kläger für Capitol Records:

Nachdem Sibley eine wirklich leidenschaftliche Verteidigung durchgeführt hatte, flüchtete sich Reynolds fünfzehn Minuten lang in Urheberrechtsgrundsätze und die Beweise von MediaSentry, die jedoch von der Verteidigung gar nicht beleuchtet wurden. Reynolds folgte dennoch seinem Plädoyer und schaffte es mit einer mitreißenden Rede Thomas-Rasset für die begangenen Taten verantwortlich zu zeichnen. Sein Hauptziel war es dabei zu verdeutlichen, dass man nicht einfach Thomas-Rassets PC sondern sie selbst entlarvt hatte.

Er begann mit ihrem Nickname Tereastarr. Dieser sei zwar der ganzen Familie bekannt, aber doch ihr eigener Nickname für "einfach alles" seit über einem Jahrzehnt. Auch haben alle, die für eine Nutzung in Frage kommen geschworen, dass dies nicht der Fall sei.

Es folgte der Schwenk auf den ersten "Ex" der Beklagten, ihren ehemaligen Ehemann Justiv Gervais. Dieser hat zwar womöglich viele der Musikstücke die auf dem PC waren gemocht, aber wie wahrscheinlich ist es, dass er nach der Scheidung im Jahr 2004 in Thomas Schlafzimmer ging, um dort 1.700 Tracks herunterladen, während er auf die Kinder aufpasste. Auch habe Thomas-Rasset bestätigt, dass sie ihn nie dabei gesehen habe, wie er Musik auf dem PC anhört.

Die Festplatte, die irgendwann ausgetauscht wurde und das ganze Verfahren über präsent war, sollte den nächsten Angriffspunkt darstellen. Sie hatte mehrmals unter Eid ausgesagt, dass sie die Festplatte die zum Tatzeitpunkt im PC verbaut war, an die RIAA und ihren eigenmächtig beauftragten Experten ausgehändigt hatte. Das war falsch und Thomas-Rasset habe ihre Geschichte erst dann geändert, als ihr eigener Experte Zweifel bekommen hatte, nachdem er einen Herstellungsaufkleber aus dem Jahr 2005 entdeckt hatte.

Es folgte der zweite Ex, Kevin Havemeier, den Thomas-Rasset 2005 traf, also zum Zeitpunkt der Urheberrechtsverletzungen. Seine Aussage war zwar zum Großteil wirr, aber er konnte sich genau daran erinnern, dass seine Ex-Freundin die Festplatte im März 2005 ausgetauscht hatte. Er habe ihr dies auch gesagt, ehe sie die Platte an die Ermittler aushändigte, ehe sie schwor dass es die Richtige sei und dies auch unter Eid aussagte. Thomas-Rasset begnüge sich lediglich damit festzuhalten, dass sich Havemeier wohl irrt oder lügt.

Napster fand ebenfalls seinen Platz im Plädoyer der Klägerseite, als Reynolds auf eine College-Arbeit von Thomas-Rasset verwies, in welchem sie den Filesharing-Dienst für legal befand. Sie gab außerdem zu, dass sie dem Prozess rund um den Dienst gefolgt war und wusste, dass es nicht legal war. In Anbetracht ihres Wissens zu dieser Thematik erscheint ihre Äußerung, sie hätte nie von KaZaA gehört und niemals Dateien heruntergeladen verdächtig.

Die Instant Message von MediaSentry wurde nach Ansicht von Reynolds ebenfalls übertragen und auf Thomas-Rassets PC angezeigt. Natürlich gäbe es keinen Weg zu prüfen, dass sie diese Nachricht tatsächlich gesehen habe. Es sei jedoch sehr wahrscheinlich.

Die Überraschungen schienen Reynolds als perfekten Abschluss für sein Plädoyer zu dienen. Kritisch fragte er vor der Jury, wieso Thomas-Rasset mehr als drei Jahre gewartet hatte, mehrere Verfahren durchlief, zwei Aussagen unter Eid leistete und mehrere vereidigte Befragungen über sich ergehen ließ, ohne die Möglichkeit zu eröffnen, dass Justin Gervais die Tat begangen haben könnte.

Er kam damit zum abschließenden Ergebnis, dass sich die Labels lediglich um die Wahrung ihrer Rechte sorgen würden, weshalb "hier ein großer Bedarf an Abschreckung notwendig ist." Wie viel Schadensersatz notwendig wäre? Nun, dies liege an der Jury, aber man will keinesfalls die ganzen 3,6 Millionen US-Dollar, die möglich wären und von der Verteidigung stark kritisiert wurden.

Die Jury zog sich zur Beratung zurück. (Firebird77)

(via arstechnica, thx!)

News Redaktion am Donnerstag, 18.06.2009 21:34 Uhr

tagsTags: jammie thomas-rasset recording industry association of america riaa joe sibley davis doug jacobson plädoyer tim reynolds

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6 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • terminator2k2 am 19.06.2009 14:29:08

    Solche Meldungen sollten die User endlich dazu bewegen noch weniger oder garnichts zu kaufen.. ...

  • Ironwhistle am 19.06.2009 13:35:52

    Liebe Gulli Redaktion, da liegt ein Schreibfehler vor! Es müsste heissen Capital Records, nicht Capitol... ...

  • PhR34x0r am 19.06.2009 09:42:10

    tolle leistung, das kurbelt den cd-verkauf aber sicher mal so richtig an .... NICHT. ob die jury wenigstens was von ihrem schmiergeld an die arme mutter abgibt ? ...

  • H1N1 am 19.06.2009 09:29:06

    Traurig ... menschlich sähe anders aus. Jetzt bekommen da ein paar "wichtige Bosse" einen Abgang weil sie jemanden den Garaus machen konnten. Daß sie kaum einen Cent sehen werden ist auch unwichtig. Wo bleibt da das Stoppschild ?! ...

  • DasFragezeichen am 19.06.2009 09:15:28

    Urteil ist raus. 1,9 Millionen $ Strafe für 24 Musiktitel, also ein vielfaches höher, als ursprünglich. Wie die RIAA verlauten ließ, freut sie sich über das Urteil und damit das Leben 4-fache ...

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