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Interview:Indie-Film durch illegalen Download zum Ruhm?

Ink interessierte kaum jemanden, bis der Fantasyfilm letzten November in den Tauschbörsen auftauchte. Plötzlich kletterte der Film im IMDb-Ranking steil nach oben. Anstatt sich zu beschweren, bedankten sich die Filmemacher für die Verbreitung der Schwarzkopie.

Überall ist zu lesen, ihr Streifen sei ambitioniert. Ein echter Blockbuster, der ganz ohne gigantisches Budget auskommt. Ink sei eine echte Überraschung. Und einer der besten Filme des Vorjahres, heißt es beispielsweise bei Amazon.com. Gebracht hat das Jamin Winans von Double Edge Films wenig. Gerade mal 15 Lichtspielhäuser in den riesigen USA waren bereit, den Kinofilm zu zeigen. Die großen Filmstudios in Hollywood haben das Werk von Beginn an durchfallen lassen. Möglicherweise war ihnen die Handlung nicht massenkompatibel genug, vielleicht fehlte ihnen ein bekannter Schauspieler als Zugpferd. Wer weiß? Filmemacher Jamin Winans blieb nichts anderes übrig, als seinen Fantasyfilm voreilig als DVD und Blu-ray zu vermarkten. 

Zunächst ohne rechten Erfolg, bis eines schönen Tages jemand einen illegalen Mitschnitt in den US-amerikanischen Tauschbörsen einstellte. Die Filesharer fanden Gefallen an der Story, die Datei wurde in kürzester Zeit 400.000 Mal heruntergeladen. In der Wochenstatistik des P2P-Blogs Torrentfreak landete man auf Anhieb auf Platz vier. Man wüsste noch nicht, wohin das führen würde. Aber die Veröffentlichung per BitTorrent hätte sich ohne Zweifel positiv ausgewirkt, kommentierten die Hersteller den Leak. Für einen Vertreter der Filmbranche sind dies sehr ungewöhnliche Aussagen. Dem Musikpiraten schrieb J. Winans, die Verkaufszahlen im eigenen Shop hätten sich seit der Verfügbarkeit in den Tauschbörsen verdoppelt. Zeitgleich stieg Ink im MovieMeter der IMDB, der Internet Movie Database, wie ein Komet nach oben. Die illegalen Downloader begannen, sich vermehrt im Netz über diesen Indiefilm auszutauschen. Sie hinterließen dort und anderswo ihre Kommentare. Gerade für eine Produktion ohne Budget in der Hinterhand ist nichts schlimmer, als wenn keiner Notiz davon nimmt. Das beste Werk liegt wie Blei in den Regalen, wenn es sich nicht herumspricht. PR kostet aber viel Geld. Geld, das eine Minifirma wie Double Edge Films nicht zur Verfügung hat. Oder könnte gar Filesharing dabei behilflich sein? Wir haben uns kürzlich bei Kiowa K. Winans, der Ehefrau des Filmemachers, erkundigt.

gulli.com: Ink wurde sehr oft heruntergeladen. Was glaubt ihr, wie viel Prozent der Downloader ihn später tatsächlich gekauft haben?

Kiowa K. Winans: Es ist schwierig, die illegalen Downloads auf die Verkaufszahlen umzurechnen. Diese sind zweifelsohne gestiegen. Natürlich konnten wir nicht pro Download je eine DVD oder Blu-ray verkaufen. Ich glaube, viel Piraterie passiert, weil die Leute überall auf der Welt alles ohne Verzögerung sehen wollen. Sie wissen, es wird lange dauern, bis die Filme in ihr Land gelangen. Ob sie deswegen die DVD von uns oder einem anderen Verkäufer bestellen, steht wieder auf einem anderen Blatt. Viele Menschen da draußen wollten es schlichtweg für umsonst haben.

Eine interessante Angelegenheit war der Support Button auf unserer Webseite. Mit dem Aufruf "Wenn ihr euch Ink online für lau angesehen habt, spendet bitte hier, was ihr könnt" wollten wir paar Downloader anspornen, uns etwas zu überweisen. Ratet mal, wer am großzügigsten war? Deutschland! Die Deutschen waren doppelt so spendabel wie die Amerikaner. Vielen Dank Germany! Wir konnten eine Menge Deluxe Bundle Fanpackages in die Bundesrepublik verschicken. Von daher scheint die Produktion bei euch gut anzukommen.

 

Die Filmindustrie muss mit modernen Distributionsmodellen Zeichen setzen.


gulli.com: Seht ihr euch denn als Opfer?

Kiowa K. Winans: Würde ich Opfer sagen, würde ich Piraterie insgesamt als eine schreckliche Sache bezeichnen. Die illegale Verbreitung von Ink ist ohne Zweifel verantwortlich für seine weltweite Popularität. Klar sind unsere Trailer vor über einem Jahr herausgekommen. Und sie hatten auch außerhalb der USA viele Zuschauer. Aber wir glauben, dass 70% der illegalen Downloads jenseits der USA getätigt wurden. Wir verzeichnen täglich eine größere Menge internationaler Käufer in unserem Online Store. Vor der illegalen Verbreitung war der Film in der IMDb-Rangordnung auf Platz 12.991. Die Platzierung stieg später stark an und der Film war über zwei Monate eine der 200 populärsten Kinofilme dieser Datenbank. Klar hätten wir gerne einen US-Dollar pro Download bekommen. Aber wir sehen Filesharing genauso wenig als schlechte Sache an.

gulli.com: Ist der Vertrieb über einen BitTorrent-Tracker wie Mininova oder LegalTorrent.org eine Möglichkeit, etwas Kommerzielles zu vermarkten?

Kiowa K. Winans: Ich glaube die Distributionsmodelle für Filme werden sich in den nächsten zehn Jahren grundlegend ändern. Die Leute wollen einen sofortigen und simplen Zugang zu Medien haben. Sie wollen nicht zwei Jahre auf Indie-Veröffentlichungen warten, die dann teuer importiert werden müssen. Da unsere Welt immer mehr miteinander verknüpft ist und die Bandbreite steigt, werden sich Computer und Fernsehgeräte in einen einzigen Apparat verwandeln. Wie in dem Zusammenhang die Vergütung aussehen wird - da bin ich mir noch nicht so sicher. Die Torrent-Benutzer kann man generell in zwei Gruppen unterteilen. Solche, die Dinge unverzüglich genießen wollen und solche, die alles umsonst haben möchten. Manche wollen beides. Es gibt also noch einige Hürden, die man überwinden muss, wenn es darum geht, die Filmemacher zu entlohnen. Wären die Filme zur Premiere kostengünstig als Download verfügbar - das würde die Urheberrechtsproblematik größtenteils eindämmen. In den nächsten Jahren wird sich zeigen, wie sich das weiter entwickelt.
 

Video: Trailer von Ink.

 

gulli.com: Wollen Filesharer auch etwas kaufen oder alles für lau haben?

Kiowa K. Winans: Mit der Frage ringe ich schon, seit Ink auf den Torrent-Webseiten gelandet ist. Anstatt die Downloader zu verurteilen, haben wir uns für die beispiellose Bekanntmachung bedankt. Wir eröffneten den Dialog, um zu sehen, was letztlich dahinter steckt. Viele antworteten uns, sie wollten einfach nur den Film sehen und sie wussten, dass sie an ihrem Punkt der Erde lange hätten darauf warten müssen. Manche schrieben, sie würden dafür zahlen, sofern weltweit ein günstiger Download verfügbar wäre. Andere gaben zu, dass sie den Film nur umsonst sehen wollten. Und wieder andere argumentierten, sie würden gerne erst ein Stück der Unterhaltung sehen wollen, um zu entscheiden, ob es das wert ist, dafür Geld auszugeben. Ich glaube viele Menschen würden uns gerne supporten. Aber denen fehlen einfach die Mittel. Es sind harte wirtschaftliche Zeiten und wir verstehen, dass einige schlichtweg nichts bezahlen können. Hoffentlich kommen sie zu einem Punkt, an dem sie den Film mögen und uns unterstützen wollen.
 

Es wird immer einen schnelleren Programmierer geben, der die Bürokratie der Filmwirtschaft überholt.


gulli.com: Viele Firmen aus der Musik- und Filmbranche sind sehr damit beschäftigt, BitTorrent-Portale wie The Pirate Bay oder Mininova zu zerschlagen. Ist das der richtige Weg, um mit diesem Problem umzugehen? Oder hast Du andere Ideen?

Kiowa K. Winans: Ich schiele für die Antwort in Richtung Musikindustrie. Was illegales Filesharing in der Vergangenheit ein wenig drosseln konnte, war die Erfindung vom iPod und anderen tragbaren MP3-Abspielgeräten. Die Personen konnten all ihre Songs auf einem kleinen Gerät speichern und bezahlen bei iTunes nur 99 Cent pro Song. Weiter gefasst bedeutet dies in der Konsequenz: Gib den Leuten etwas, was ihnen Spaß macht. Befüll es mit Medien und sie werden es benutzen. Bis es ein Pendant zum iPod gibt, mit dem man ganze Kinofilme anschauen kann, wird dieses Problem anhalten. Ich schätze, dass Hollywood diesen Krieg nicht gewinnen kann. Da draußen wird es immer einen schnelleren Programmierer geben, der die Bürokratie der Filmwirtschaft überholt. Die Filmindustrie muss mit modernen Distributionsmodellen Zeichen setzen. Derzeit gibt es grauenhafte Dinge wie DVDs, die nur in bestimmten Ländern abgespielt werden können. Damit sollen die Filmrechte an bestimmte Länder gebunden werden. Damit hat man in diesem Sektor im Laufe der Jahre viel Geld verdient. Die Leute müssen aber nun umdenken zu einer einheitlichen globalen Lösung, die überall gleich aussieht. Es bringt nichts, einen Film in 75 verschiedenen Territorien separat vermarkten zu wollen.

Andererseits glaube ich, die Firmen vermeiden es derzeit, die Produktionskosten zu senken. Wenn der Markt nur fünf Dollar pro Download hergibt, haben sie 10 Dollar im Vergleich zum Verkaufspreis einer regulären DVD eingebüßt. Das sind natürlich alles nur Theorien.

Ehrlich, wir bringen unsere Freunde mit solchen Themen zum Wahnsinn. Aber wir sind absolut begeistert von der Idee, dieses Modell neu zu erfinden. Wir werden alle Rechte an Ink behalten. Wir werden sie nicht portionsweise Land für Land vergeben. Sollte das Gerät so ähnlich wie ein iPod für Filme erscheinen, so soll unser Film weltweit den Einstand dafür geben. Das ist auf jeden Fall unsere Hoffnung.


Die Urheberrechte müssen an unser modernes Informationszeitalter angepasst werden!
 

gulli.com: Wie stehst du denn zum Thema Creative Commons?

Kiowa K. Winans: Ich glaube das ist ein Faktor, der unsere Filmlandschaft in den nächsten zehn Jahren stark beeinflussen könnte. Die (veralteten) Urheberrechte müssen schlichtweg an unser modernes Informationszeitalter angepasst werden.

gulli.com: Und welche Zukunftspläne habt ihr?

Kiowa K. Winans: Mein Mann Jamin arbeitet am Manuskript für die nächsten zwei Filme. Einer wird ein Psycho-SF Thriller mit Namen "The Frame" sein. Das wird aber kein Science-Fiction im herkömmlichen Sinn. Wir sind weit davon entfernt. Aber er soll sehr einfallsreich werden. Der andere ist ein pompöses Sci-Fi Fantasy Spektakel, dass wir "Myth of Man." getauft haben. Noch bin ich mir nicht darüber im Klaren, wann die Produktion beginnen wird. Im Moment sind wir einfach froh, dass Ink gut läuft und überall auf der Welt Fans für sich gewinnen konnte.

Wie auch immer ihr zu dem Film gekommen seid. Wir sind einfach happy darüber, dass ihr ihn euch anschaut.

Wie Jamin immer zu sagen pflegt. Der Kampf der Independent Filme wendet sich nicht gegen die Piraterie. Wir kämpfen gegen die Verworrenheit. Und hey, zumindest den Punkt haben wir gewonnen!

Das Gespräch führte Lars Sobiraj. Bild von Kiowa Winans privat, danke!

Lars Sobiraj am Donnerstag, 04.02.2010 22:23 Uhr

tagsTags: ink jamin winans

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15 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Hasron am 08.02.2010 16:22:11

    wieso wird im gegenzug nicht über die fanverfilmung von zelda geschrieben? der war ähnlich gut http://www.dailymotion.com/video/xbfusi_zelda-movie-the-hero-of-time-y-trai_shortfilms Gut? Das war jetzt Ironie da das "gut" auf die relative negativbewertung ...

  • pra am 05.02.2010 17:28:11

    Gestern erst angeschaut, und fand ihn eigentlich ziemlich cool. Auf eine verwirrende Art und Weise. Hat bisschen was von Lukianenkos Wächter-Reihe, imho. ...

  • BlackCrimson am 05.02.2010 16:31:11

    Doch es gibt tasächlich deutsche Untertitel für den Film. Von nem Fan. Von mir nämlich. Sind soweit ich weiß bisher die einzigen. Danke für die Arbeit :) Ich werde ihn mir mal damit angucken. ...

  • gayeye am 05.02.2010 14:49:23

    ich finde bei so einem filmprojekt, wo nicht so viel budget riengesteckt wurde ist die verlustspanne gering, zumindest viel geringer als bei einem "richtigen" blockbuster, deswegen geht man bei dem film ink auch lockerer um. den ipod / musik vergleich finde ich ganz gut. denke, da die bandbreite imm ...

  • Ghandy am 05.02.2010 13:48:51

    Ich fand es prima, dass die mit den Downloadern in den Dialog getreten sind anstatt sie abzumahnen! Natürlich ist bezüglich einer gewinnbringenden Distribution übers Internet noch nicht wirklich alles in trockenen Tüchern. Aber es ist zumindest ein guter Ansatz. ...

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