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Deckel drauf! Die Gulli-Glosse (Woche 05/2010)

Wieder ist eine Woche an uns mit ihren haarsträubenden, absurden und unsinnigen Ereignissen vorbeigezogen. Zeit, die Nachrichten der vergangenen Tage noch einmal Revue passieren zu lassen und den Kopf darüber zu schütteln – genügend Gründe gibt es immer.

Ein wichtiges Merkmal von Verschwörungstheorien ist ihre Unwiderlegbarkeit, wie die Bielefeld-Verschwörung in epischer Breite und spaßiger Absurdität zeigt. Aber wer wird denn gleich an eine Weltverschwörung denken, wenn rein zufällig mal ein paar Gmail-Konten dahergelaufener Menschenrechtsaktivisten und Journalisten geknackt und ihr Inhalt an andere Adressen weiterverteilt wird? Ja gut, der Angriff kam aus China, das es mit Demokratie und Menschenrechten nicht so genau nimmt und wo man für's Angucken der falschen Internetseiten ein Ticket für's Fußballstadion bekommt, aber das heißt ja noch nichts. Doch jetzt kommt zu allem Überfluss auch noch so ein penetranter Krypto-Gott wie Bruce Schneier auf die Idee, die US-Regierung könnte den Angriff durch ihre eigenen Überwachungsinteressen begünstigt haben. Das ist doch wirklich ein bißchen weit hergeholt! Google soll für die US-Regierung ein Hintertürchen in seine E-Mail-Konten eingerichtet haben, das Hacker der chinesischen Regierung auftaten (oder vielleicht das Schlüsselchen gar kauften?) und ausnutzten? So was gibt's doch nur in Agenten-Filmen. Also, wenn der Bruce weiterhin so prophetisch auftritt, wird er wohl aufpassen müssen, dass er nicht bald eine Freikarte für chinesisches Fußballtournier oder einen Flug zu einem prominenten "Ferien-Ressort" an einer kubanischen Bucht bekommt. Denn sowohl in Agenten-Filmen als auch in Verschwörungstheorien sind Mitwisser und Plappermäuler richtig unbeliebt.

Aber was wäre die Welt auch ohne Unternehmen mit zweifelhafter Moral und halbseidenen Methoden? Ein Schelm, der dabei an Trident Media Guard denkt. Es muss doch einen käuflichen Helden geben, der für die Contentindustrie und die französische Regierung täglich mindestens 25.000 schwerkriminelle Filesharer auftreibt, um die ach so gebeutelte Medienindustrie und die davon profitierende Staatskasse sanieren zu helfen. Und wenn der besoldete Robin Hood an einem Tag mal weniger als 25.000 asozial-anarchistische Internetanwender mit gestörtem Verhältnis zu geistigem Eigentum findet, dann werden einfach ein paar prophylaktisch an die HADOPI-Behörde gemeldet für den Fall, dass sie in den nächsten Tagen vorgehabt hätten, illegal Filme und Musik zu tauschen.

Und dank dem in den Startlöchern stehenden Three-Strikes-Gesetz im Kontext des vollständig transparenzfreien ACTA-Abkommens kann man diese Tauschbörsenlümmel nicht nur im Eilverfahren zur Kasse bitten. Nach dem dritten Fall von Copyright-Ignoranz kann man diesen "Schurkenusern" auch entgegen geltenem EU-Recht den Internethahn zudrehen und sie aus der digitalen Gesellschaft werfen. Damit sich die Kreativwirtschaft auch darauf verlassen kann, dass solche "Medienparasiten" auch wirklich draußen vor der Tür bleiben, müssen natürlich auch die Internetprovider ihren Dienst am Urheberrecht tun und brav IPs speichern, sie auf Zuruf apportieren und die Internetleitung kappen - alles zum Wohle des geistigen Eigentums. Natürlich gilt diese Pflicht über alle Länder und Nationen hinweg - ACTA ohne Grenzen.

Wem in dieser Woche Spionage und der Schutz geistigen Eigentums im Internet noch nicht absurd genug war, der brauchte nur in den freiesten aller Staaten, nämlich den Freistaat Bayern zu schauen. Denn dort fühlt sich der Innenminister - inspiriert durch die erneute Verschleierungsdebatte in Frankreich - nicht nur durch zu wenig Bekleidung in der Öffentlichkeit belästigt, sondern auch durch zu viel davon. Natürlich will er niemandem vorschreiben, was er oder sie anzuziehen hat - nur wie viel. Damit in Zukunft gewährleistet ist, dass sich keiner mehr durch wandelnde Stoffhügel in urbayrischen Institutionen belästigt fühlt, will er das Tragen von Burkas im öffentlichen Dienst verbieten lassen. Da hat er ja auch wirklich recht. Andauernd wird man beim Finanzamt von vollverschleierten Sachbearbeiterinnen betreut und unzählige Lehrerinnen in kaiserlich-bayrischen Schulen, die von Kreuzen in Klassenräumen dominiert sind, tragen eine Burka. Vielleicht wäre Herrn Herrmann aber besser geholfen, wenn die extrem-gläubigen muslimischen Ehemänner, die meist auf die Vollverschleierung ihrer Frauen bestehen, diesen das Arbeiten einfach wieder verbieten würden, wie es in Afghanistan auch zum guten Ton gehört.

Das hilft jedoch dem niedersächsischen Innenminister wenig, denn der fühlt sich nicht bloß durch Andersbekleidete, sondern auch durch Andersgläubige bedrängt. Und da helfen natürlich nur verdachtslose Polizeikontrollen vor Moscheen. Tja, da bekommt man doch irgendwie so ein heimeliges déja-vu-Gefühl von lustigen Aufnähern in Sternchen-Form. Doch egal ob in Bayern oder Niedersachsen – für uns alle steht fest: Unter'm Kaiser hätt's das nicht gegeben.

Julia Klein am Sonntag, 31.01.2010 23:17 Uhr

Tags: google filesharing three strikes gesetz frankreich china bayern gulli hackerangriff usa niedersachsen bruce schneier gulli glosse burka

vgwort
 
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6 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • grafs0n am 02.02.2010 00:01:07

    ...Fußballtournier... Aua! ansonsten wieder ein lesenswertes schmankerl.:T ...

  • DieJulia am 01.02.2010 22:14:17

    Als ich Schneiers Theorie dazu gelesen habe, konnte ich auch nur noch nicken und beipflichten. Es wäre eher verwunderlich, wenn sich die US-Regierung KEIN Hintertürchen in Googles E-Mail-Accounts gekauft oder gepreßt hätte. In Bezug auf die Entwicklungen in Bayern und vor allem in Niedersachsen war ...

  • satn00b am 01.02.2010 09:30:23

    In dem falle war wohl gemeint, dass die US-Regierung + Google als Verschwörungs-Urheber (chin. Regierung war beteiligt) ungern jemanden wie Bruce Schneier mag, der das ganze ad absurdum führen könnte. Ich halte es allerdings durchaus nicht für eine Theorie, wenn die Regierung nicht direkt beteilig ...

  • TRON2 am 01.02.2010 01:46:50

    Denn sowohl in Agenten-Filmen als auch in Verschwörungstheorien sind Mitwisser und Plappermäuler richtig unbeliebt. Wie immer Gut gemacht. Aber haben Verschwörungstheoretiker nicht Mitwisser und Plappermäulchen lieb?:D:T ...

  • thedoginthewok am 01.02.2010 01:24:03

    Sterchen Aufnäher klingt für mich eher nach Judenstern. http://www.imagebanana.com/img/z8x47dh/180pxJudenstern_JMW.jpg ...

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