
Oktober 2009.
Riesige Schlangen vor der Düsseldorfer Philippshalle. Sie mögen im Durchschnitt um die 20 bis 25 Jahre alt gewesen sein und sie alle wollten Mando Diao sehen. Die meisten waren bereit, trotz gültiger Eintrittskarte sechzig Minuten und länger in der Kälte auszuharren. Nachdem man endlich den Sicherheitsbereich passieren durfte, wurde den Fans sogleich von fliegenden Händlern ein Geschäft angeboten. 20 Euro aufwärts sollte der Spaß kosten. USB-Stick, Karton, Player und Key inklusive. Die Aufnahmen des Konzertes sollte es direkt nach dem Event, die Zugaben ein bis zwei Tage später gegen Angabe des Keys zum Download geben. Musik verkauft sich über Emotionen. Einen schönen Abend, wenn er es denn für die Besucher war, möchte man dauerhaft festhalten, sich immer wieder daran erinnern. So mancher war folglich bereit, die 20 Euro für den USB-Stick voller Erinnerungen auszugeben.
Wir Deutschen sind Weltmeister im Stöhnen. Der Bundesverband Musikindustrie kann das auch recht gut. Bei den Zahlen kann man die trübe Stimmung aber schon ein wenig nachvollziehen. Die Umsätze des deutschen Tonträgermarktes sind alleine von 1995 bis zum Jahr 2007 um 39% eingebrochen. Die Zahl der verkauften Downloads in den Online-Shops nimmt langsam aber sicher zu. Das reicht aber noch lange nicht aus, um wieder schwarzen Zahlen zu schreiben. Schallplatten oder Audio-CDs bleiben dafür viel zu häufig in den Regalen liegen. Musik wird oftmals in digitaler Form konsumiert. Sie ist nicht mehr greifbar. Viele Filesharer laden sich einzelne Stücke und Alben im Internet herunter oder kopieren sich die Songs von ihren Freunden. Die Musikbranche hätte die Entwicklung gerne aufgehalten. Aber die Zeiten haben sich seit Aufkommen des Internet, der MP3, CD-Brennern, Rapidshare, Edonkey & Co. stark geändert. Musik hört man noch immer recht viel und gerne. Dafür Geld auszugeben steht mittlerweile auf einem anderen Blatt Papier. Auch mit welchen Geräten und wo man Musik hört, hat sich gewandelt. Wie aber motiviert man Technikbegeisterte dazu, für die Werke ihrer Lieblingsband wieder Geld auszugeben? Nicht nur in Köln suchte man passende Antworten auf diese Fragen. Wir haben uns dort einmal umgehört.
Lars Sobiraj: Wie ist die Idee zum Vertrieb von Livemusik per USB-Stick entstanden?
Markus von Husen: Gerrit Schumann (CEO von Music Networx) hat 2006 nach einem Konzertbesuch überlegt, dass es toll wäre, einen Mitschnitt der gerade erlebten Show einfach und günstig bekommen zu können. So entstand die Idee zum Livemusik-Portal Concert Online. Gemeinsam mit Georg Bergheim gründete er Ende 2006 das Unternehmen Music Networx.
Lars Sobiraj: Und wie verläuft die Durchführung im Detail?
Marcus von Husen: Für das Angebot auf der Website wurden zunächst Verträge mit wichtigen Labels geschlossen, um bereits vorhandene Live-Aufnahmen und Konzertfilme ins Sortiment aufnehmen und online verfügbar machen zu können. Im Sommer 2007 wurden Die Fantastischen auf ihrer "Fornika für Dich"-Club-Tour mit einem Filmteam begleitet und die kompletten Konzerte exklusiv auf concertonline.de als DVD und zum Download angeboten.
Bei der "Vampires Alive"-Tour von DJ BoBo im Frühjahr 2008 kam in den Hallen und Arenen erstmals der Concert Stick zum Einsatz, ein USB-Stick mit der Audio-Aufnahme der jeweiligen Show. Seitdem ist unser Team bereits bei über 1000 Konzerten im Einsatz gewesen. Wir waren mit Bands und Künstlern wie die Toten Hosen, Simply Red, Mando Diao, Peter Maffay, Xavier Naidoo und Söhne Mannheims, Foreigner, Simple Minds und vielen unterwegs. Von September bis Dezember 2009 haben wir KISS auf der ALIVE 35 Tour durch die USA und Kanada begleitet. Außerdem wurde bei den Live-Shows der Hörspielreihe "Die drei ???" jeder Abend aufgezeichnet. Seit dem 14.01. sind wir bei der "Revolution"-Tour von Atze Schröder mit dabei.
Unsere Mitarbeiter im eigenen Recording-Mobil mischen die Aufnahmen live ab, setzen die Markierungen für die einzelnen Stücke, wandeln ins MP3-Format, versehen die Dateien mit Tags und kopieren sie schließlich auf einen Master-Stick. Von diesem werden dann (meist am Verkaufsstand) die Concert Sticks an USB-Kopierstationen bespielt.
Lars Sobiraj: Wie viele Personen sind pro Konzertserie daran beteiligt?
Marcus von Husen: Im Recording-Mobil arbeiten meist zwei bis drei Personen, ein Tonmeister und ein oder zwei Assistenten. An den Verkaufsständen werden je nach Größe der Location bis zu zwölf Mitarbeiter eingesetzt, die vor dem Konzert und währenddessen die Sticks und Stick-Boxen vorbereiten und dann nach dem Auftritt an unserem Stand, an mobilen Verkaufstheken oder mit Bauchläden die Fans bedienen.
Lars Sobiraj: Was kostet denn der Spaß? Wie viele Personen waren an einem Abend tatsächlich zum Kauf bereit?
Marcus von Husen: Der Concert Stick kostet je nach Ausführung 20 oder 25 Euro. Die Verkaufsrate variiert bei den einzelnen Touren, im Durchschnitt nimmt aber jeder zehnte Konzertbesucher einen Stick nach der Show mit. Zusätzlich bestellen 2-5% einen Stick oder Download online.
Lars Sobiraj: Ihr schreibt, Kreative versuchen zunehmend Umsatzeinbußen durch mehr Konzertaktivitäten zu kompensieren. Was machen die Personen, die früher z.B. mit Filmmusik ihr Geld verdient haben?
Marcus von Husen: Wer früher sein Geld mit Filmmusik verdient hat, wird das doch wohl auch weiterhin können. Der Künstler wird doch in erster Linie an den Aufträgen der Produzenten bzw. die Lizenzierung der verwendeten Stücke verdienen. Für Komponisten, die für große Kinoproduktionen arbeiten, werden allerdings wohl die geringeren Erlöse der Soundtrack-Verkäufe zu geringeren Einnahmen führen.
Lars Sobiraj: Na. Da frag lieber mal die betroffenen Musiker, die sehen das sicher ganz anders. Dazu kommt: Es können nur solche Interpreten oder Gruppen auf Tour gehen, die sich zuvor einen Namen gemacht haben. Wie wird das künftig vonstattengehen, wenn die Rolle der Labels immer mehr in den Hintergrund gedrängt wird?
Marcus von Husen: Die Künstler müssen sich ihr Publikum tatsächlich wieder live erspielen. Ich glaube, dass vor allem junge Musiker und Bands durch gute Auftritte überzeugen können. Wir werden zukünftig auch Musikern, die in den kleinen Clubs auftreten, eine Möglichkeit bieten ihre Live-Aufnahmen über Concert Online zu vermarkten. Hier entsteht auch für junge Künstler eine zusätzliche Einnahmequelle, die es ihnen hoffentlich ermöglicht, eigene Konzertveranstaltungen kalkulierbarer zu machen.
Lars Sobiraj: Welche Lösungswege seht ihr, um die Musikwirtschaft aus ihrem Minus heraus zu bekommen?
Marcus von Husen: Das Livegeschäft boomt! Unser Erfolg macht deutlich, dass Künstler und Rechteinhaber Einkünfte durch den Verkauf von Live-Aufnahmen bei jedem Konzert erzielen können. Außerdem werden die Einnahmen, die über Streaming-Dienste wie etwa simfy generiert werden, zukünftig immer wichtiger werden. Die Besitzer von Smartphones oder MP3-Playern mit Internetanbindung sind heute ja schon praktisch „always on“ und können sich auf diese Weise ein Programm nach ihrem eigenen Geschmack zusammenstellen. Ich glaube fest daran, dass dieses Geschäftsmodell 2010 richtig einschlagen wird.
Ich selbst habe zu Hause aber natürlich auch noch eine klassische HiFi-Anlage und kaufe weiterhin gerne CDs und Vinyl. Ich würde mich aber freuen, wenn man als Käufer über einen beiliegenden Gutschein mit Code zusätzlich die Möglichkeit hätte, das Album für den (mobilen) MP3-Player herunterladen zu können.
Lars Sobiraj: Rednex versucht, seine Country-Pop-Spaßmusik per BitTorrent zu vertreiben. Andere Gruppen wählten den Filehoster Rapidshare aus, um eine neue Single zu pushen. Wird man mit diesem Modell Geld verdienen können? Und sei es lediglich im Rahmen von Konzerten?
Marcus von Husen: Wenn es den Bands gelingt, über Gratis-Downloads mehr Menschen in die Konzerthallen zu locken, ist das aus meiner Sicht eine gute Sache. Auf diese Weise hat man dann vielleicht nicht ein paar hundert Leute in der Halle, sondern verkauft 2000 Tickets. Die echten Fans werden allerdings auch weiterhin die Musik ihrer Lieblingsbands in physischer Form (also auf einem Ton- oder Datenträger) besitzen wollen.
Lars Sobiraj: Warten wir ab, ob die Rechnung für Rednex oder die anderen Mitstreiter aufgehen wird. Marcus, vielen Dank für das kurze Gespräch!
Auch wenn euer Modell gerade für absolute Newcomer, jegliche Spartenmusik oder Indy-Labels keine Option darstellt, so bietet ihr immerhin eine ergänzende Einnahmequelle an, die es noch auszubauen gilt. Wenn tatsächlich trotz des recht hohen Verkaufspreises von 20-25 Euro dennoch so viele Leute bereit sind, diesen zu entrichten, so kann das Konzept nicht völlig verkehrt sein.
Lars Sobiraj am Freitag, 29.01.2010 22:07 Uhr
Ich denke das wird kommen. Allerdings leider nicht heute oder morgen. Wie gesagt, das gabs alles schon. Klick mich* Mit Aufpreis ...
Ich denke das wird kommen. Allerdings leider nicht heute oder morgen. Laut seiner Aussage aber "Gestern". :D ...
Gib mir eine Möglichkeit dieses Konzert nur als MP3 ohne Stick für etwa 10€ zu kaufen, dann mache ich das. Wirklich Ich denke das wird kommen. Allerdings leider nicht heute oder morgen. Natürlich ist der Vergleich mit dem Diebstahl und der kopierten Musi ...
Und wieso soll er es "nicht besitzen" wenn er es runterladen/kopieren kann? Macht das für irgendjemanden einen Unterschied (außer für ihn selbst)? Gekauft hätte er ihn doch sowieso nicht weil es ihm zu teuer war. Wenn man die Wahl hat zwischen für einen nicht akzeptablen Preis kaufen ode ...
Es kommt dir nicht in den Sinn dieses Produkt dann einfach.... nicht besitzen zu "müssen"? Er hat es nicht geklaut, sondern kopiert. Der Vergleich mit dem Porsche ist absolut unpassend. Und wieso soll er es "nicht besitzen" wenn er es runterladen/kopier ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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