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Chart-Manipulation als politisches Instrument?

Was haben Single-Charts mit politischer Meinungsäußerung zu tun? Über die Definitionsmacht des Marktes, seine Manipulation und den Einfluss der digitalen Gesellschaft.

Weihnachten 2009 demonstrierte die Internet-Community ihren Einfluss auf die britischen Single-Charts, indem sie mit koordinierten Massenkäufen das 17 Jahre alte Lied "Killing in the Name of"  der politisch-motivierten Crossover-Band "Rage Against the Machine" auf den ersten Platz hoben. Angeblich geht diese Chart-Manipulation entweder auf Mobilisierungsaktivitäten des Netzwerks 4chan oder die Facebook-Community zurück. Ziel der Aktion soll die Absage an den jährlichen UK-Weihnachtshit gewesen sein, der im Vereinigten Königreich einen etwas höheren Stellenwert als der Sommerhit in Deutschland hat. In den vergangenen Jahren war der britische Weihnachtshit vom Gewinner der populären Casting-Show X-Factor gestellt worden - 2009 wäre deshalb Joe McElderry am Zug gewesen. Wie beim deutschen Sommerlied geht es beim "Christmas Hit" in erster Linie um die gezielte Vermarktung eines Stückes.

Mehrere Zehntausend Internetnutzer machten sich daraufhin einen Spaß daraus, den "Rage Against the Machine" Song für 89 Pence herunterzuladen. In einer Zeit, in der die Musikverkäufe teils gering ausfallen, hat selbst eine zu früheren Zeiten vergleichsweise kleine Käufergruppe große Definitionsmacht auf dem Markt.

Nach der erfolgreichen Durchsetzung gegen das musikalische Weihnachtsmarketing ließ der nächste Versuch nicht lange auf sich warten: Eine kürzlich gegründete, bereits 13.000 Mitglieder umfassende Facebook-Gruppe hat sich zum Ziel gesetzt, das aus den späten Sechzigern bekannte Lied "Mrs. Robinson" von Simon & Garfunkel nicht nur wieder in die Charts, sondern gleich auf deren ersten Platz zu bringen. Bekannt wurde der Song als Teil des Soundtracks zum Film "Die Reifeprüfung" von 1967, in dem es um die prekäre Liaison zwischen einem 19-jährigen (gespielt von Dustin Hoffman), einer deutlich älteren Frau und deren Tochter geht.

Ob sich der besagte Teil der Facebook-Community über die Brisanz dieses Vorhabens angesichts eines gegenwärtigen politischen Skandals in Nordirland im Klaren ist, bleibt nur zu vermuten. Ähnlich wie in dem Hit aus den Sechzigern geht es auch im irischen Teil des United Kingdoms um eine als skandalös empfundene Liebschaft. In der Öffentlichkeit wurde vor Kurzem die Affäre der 60-jährigen Ehefrau des First Minister Nordirlands Peter Robinson mit einem 19-Jährigen bekannt. Darüber hinaus hatte Mrs. Robinson ihren Liebhaber auch mit staatlichen Geldern begünstigt.

Üblicherweise wird Affären politischer Personen und ihrer Verwandten in Europa zwar geringere Relevanz zugestanden als in den USA, doch hier liegt der Fall nicht nur aufgrund der Veruntreuung finanzieller Mittel anders. Peter Robinson ist Vorsitzender der Democratic Unionist Party (DUP), die eng mit der Person des ultrakonservativen Predigers Ian Paisley und der von ihm gegründeten presbyterianischen Freikirche Nordirlands verknüpft ist. Partei und Kirche profilieren sich am rechten Rand des politischen Spektrums in Nordirland, gelten als extrem konservativ und fundamentalistisch in ihrem Streben nach Ordnung und Moral.

Vor diesem Hintergrund heizt die Chart-Manipulation der teils sehr jungen Online-Community die politische Situation an und signalisiert, welchen Einfluss Internetnutzer auf das aktuelle gewerbliche und politische Geschehen ausüben können. Gleichzeitig eröffnet sich dadurch der Raum für Überlegungen, wie sich diese spontane Mobilisierung im Internet in größerem und ernsterem Umfang für die Durchsetzung politischer Ziele nutzen ließe. Zum einen wird  - wie am Beispiel der Flashmobs deutlich wird - der "öffentliche Raum" versteckt vor staatlichen Zugriffen zumindest durch die Öffentlichkeit der digitalen Gesellschaft zurückerobert. Zum Anderen stellt sich jedoch die Frage, wie repräsentativ die Inhalte etwaiger Machtdemonstrationen auf digitaler Ebene für diejenigen sind, für die das Internet noch nicht zur kommunikativen Kompetenz und zum Leben gehört.

(Via spiegel.de, thx! Bild: rob.wiss@flickr.com unter CC - some rights reserved - thx!)

Julia Klein am Mittwoch, 13.01.2010 14:57 Uhr

tagsTags: musik facebook skandal partei 4chan nordirland robinson

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3 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • am 13.01.2010 23:57:57

    Sorry, aber der Artikel ist ein bisschen wirr... "Angeblich geht diese Chart-Manipulation entweder auf Mobilisierungsaktivitäten des Netzwerks 4chan oder die Facebook-Community zurück." ? Es war ganz klar eine privat organisierte Facebook-Gruppe, die den Stein ins Rollen gebracht hat. Es haben ...

  • alexurus am 13.01.2010 22:50:14

    Es stellt sich mittlerweile eher die Frage in wie weit Sony seine Finger im Spiel hat. http://www.2-4-7-music.com/news/news-story.asp?ID=2840 Hmm... das wäre nicht gut. Da würde ich mich als Aktivist auf den Schlips getreten fühlen. ...

  • aderlass am 13.01.2010 15:02:03

    Es stellt sich mittlerweile eher die Frage in wie weit Sony seine Finger im Spiel hat. http://www.2-4-7-music.com/news/news-story.asp?ID=2840 ...

  • DieJulia am 13.01.2010 14:57:46

    Was haben Single-Charts mit politischer Meinungsäußerung zu tun? Über die Definitionsmacht des Marktes, seine Manipulation und den Einfluss der digitalen Gesellschaft. zur News ...

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