
Alle Social Networks, Dienstleistungs- und eCommerce-Anbieter speichern Kundendaten, doch nicht nur zur Erstellung von Rechnungen. Jeder Seitenaufruf, jeder Klick auf der Seite wird in einer Log-Datei gespeichert und auf unbestimmte Zeit aufbewahrt. Auf diese Weise entsteht ein sehr exaktes Profil von Interessen, Präferenzen und Surfgewohnheiten auf verschiedensten Seiten erklärt Viktor Mayer-Schönberger, Professor an der John F. Kennedy School of Government der renommierten Universität Harvard. Seine Schwerpunkte sind die politischen, rechtlichen und wirtschaftlichen Dimensionen moderner Informations- und Kommunikationsnetze.
Mayer-Schönbergers Ansicht nach herrscht bei den Kunden und Nutzern vieler kommerzieller und sozialer Dienste im Internet keine Gleichgültigkeit im Umgang mit ihren Daten, sondern hauptsächlich Unkenntnis über die Art und Menge der über sie erhobenen Informationen.
Gerade diese Unkenntnis der Menschen über die massenhafte Aufzeichnung ihrer Anwendungsdaten betrachtet er als problematisch: So könnten die bei der Datenspeicherung entstehenden Nutzungs- und Präferenzprofile nicht nur interessant für Versicherungen und Arbeitgeber sein, z.B. wenn ein sich Amazon-Kunde Selbsthilfeliteratur zu bestimmten Gesundheitsthemen wie AIDS oder Krebs ansieht. Auch einschlägige politische und zeitgeschichtliche Literaturinteressen könnten Aufsehen erregen. Ungeklärt ist dabei auch, ob, wann und in welchem Umfang von staatlicher Seite auf solche Informationen zugegriffen werden kann.
Den generellen Boykott des Internets sieht Mayer-Schönberger trotzdem nicht als Lösung dieser Probleme. Ein Verfallsdatum für Anwenderdaten wäre für ihn das Mittel der Wahl: „Natürlich könnten wir das Netz boykottieren, aus Angst um unsere Daten. Aber damit schaden wir uns mehr als dem Netz. Digitale Abstinenz ist eine süße Idee, aber im digitalen Zeitalter nicht realistisch. Deshalb die digitalen Werkzeuge nicht mehr zu verwenden, die uns so viel Nutzen bringen, das macht keinen Sinn. Das ist auch keine Basis für eine notwendige gesellschaftliche Lösung. Und das hat mich mich veranlasst, zu sagen: Lasst uns doch dem Vergessen im digitalen Zeitalter wieder eine Chance geben.“
Am Beispiel Google erklärt er, dass Vertrauen in Bezug auf Datensicherheit zwar gut, aber Kontrolle immer noch besser sei und fordert individuelle, gesellschaftliche und technische Mechanismen, mit denen man festlegen und überprüfen kann wie lange ein Dienstanbieter Daten über die eigene Person speichert. Dazu formuliert der Wissenschaftler einen konkreten Lösungsvorschlag, der sowohl Kunden- als auch Firmeninteressen berücksichtigt: „(...) ich fände es besser, wenn ich bestimmen könnte, wie lange solche Transaktionsinformationen verwendet werden. Wenn ich etwa bei Amazon einen Reiseführer kaufe, dann will ich sagen können: 'Bitte bezieh die Information meines Kaufes nur bis zu meinem Reiseantritt in deine Empfehlungen an mich ein - aber danach nicht mehr.' So geben wir dem bewussten Löschen von Informationen mehr Raum: etwa durch ein Ablaufdatum für Daten oder durch digitales Rosten, also das langsame Vergessen digitaler Information.“
Ein weiterer Vorteil dieses langsamen Vergessens ist der Schutz vor dem Missbrauch gesammelter Daten durch andere Unternehmen, den Staat oder den Arbeitgeber. Dabei sieht er den digitalen Erinnerungsabbau als neue Kulturtechnik an, die es für alle Anwender zu erlernen gilt. Der Kunde soll lernen, einzuschätzen wie lange Informationen über sein Kauf- oder Surfverhalten zu speichern notwendig ist. Gleichzeitig entwickelt er dadurch auch seine Fähigkeit zur informationellen Selbstbestimmung weiter. Hält der User später den angegebenen Speicherzeitraum für unangemessen, soll er dieses Datenverfallsdatum auch nachträglich ändern können.
Dass Deutschland und die USA dazu tendieren, ständig mehr und mehr Informationen über ihre Bürger zusammentragen zu wollen, sieht Viktor Mayer-Schönberger sehr kritisch: „Momentan will der Staat immer mehr Informationen speichern. Aber ich denke, das muss sich ändern. Hier müssen auch die Userinnen und User öffentlichen Druck erzeugen. Anstatt auf die Politik zu warten, müssen wir aktiv werden, eine Bewegung schaffen, auf die die Politik dann reagieren muss. Eine Bewegung für das digitale Vergessen.“
Aus allen Vorschlägen und Forderungen des Wissenschaftlers kristallisiert sich ein klarer, unmissverständlicher Appell an alle Bürger der globalisierten, digitalen Gesellschaft heraus: Wer als digitaler Bürger frei und sicher leben will, muss auch selbst dafür Sorge tragen und Verantwortung für sich, seine Daten und seinen Staat übernehmen.
(Via taz.de, thx!)
(Bild: wikimedia-commons unter GNU Free Documentation License, thx!)
Julia Klein am Freitag, 01.01.2009 19:36 Uhr
was soll den ein 0815 user gegen datensammler machen. bei vielen sachen muss man sich registrieren und seine daten eingeben. Fake-Daten angeben, Mailinator als Wegwerfadresse nutzen, Tor verwenden, Generell auf Datensauberkeit achten... Cookies nur für die Seite er ...
was soll den ein 0815 user gegen datensammler machen. bei vielen sachen muss man sich registrieren und seine daten eingeben. google geht nun einen schritt weiter und verbindet mail mit richtiger postanschrift man braucht also in zukunft auch einen spamfilter für den briefkasten zuhause. ...
Man sollte schon unterscheiden zwischen Firmen, die Daten sammeln und als Ergebnis davon ein Vorteil für beide Parteien entsteht und dem Datensammeln von staatlicher Stelle. (Man denke nur an ELENA) Die Cloud verhindert leider oftmals Verschlüsselungen, mit denen diese ganzen Probleme weitgehend ...
Die Gedächtnismaschine Internet vergisst keinen einzigen unserer Klicks. Was bedeutet das für den Anwender? Viktor Mayer-Schönberger über Vergeben und Vergessen von Daten im Netz und den Umgang der User damit. [url=http://www.gulli.com/news/datenhygiene-vertrauen-ist-gut-kontrolle-besser-2010-0 ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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