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Der Anonymisierungsdienst Perfect Privacy im Interview

"If privacy is outlawed, only outlaws will have privacy." Unabhängig davon, ob diese Aussage zutrifft, immer mehr Anwender greifen auf kostenpflichtige Anonymisierungsdienste zurück, um im Internet ihre Privatsphäre zu beschützen. Was aber steckt im Detail dahinter?

Lars Sobiraj: Was genau muss man sich unter eurer Organisation vorstellen?

PP: Perfect Privacy (PP) ist eine internationale Arbeitsgemeinschaft von Datenschützern und Menschenrechtsaktivisten, die die Privatsphäre von Internet-Nutzern schützt; und zwar durch Verschlüsselung der übertragenen Daten einerseits und durch deren Anonymisierung andererseits. Verschlüsselung bedeutet, dass niemand mitlesen oder speichern kann, was eigentlich übertragen wird. Anonymisierung bedeutet, dass niemand weiß, wer die Daten eigentlich überträgt oder empfängt.

Viele Menschen glauben immer noch, dass das Internet an sich recht anonym und sicher wäre; dass sie alleine und unbeobachtet sind, wenn sie zu Hause vor dem Bildschirm sitzen. Das ist leider ein gewaltiger Trugschluss. Sendet man beispielsweise eine E-Mail an einen Freund, dann ist es ähnlich, als würde man eine Postkarte senden: nur noch viel schlimmer. Während die Postkarte vielleicht noch der neugierige Briefträger liest, wird eine E-Mail vom Sender über dessen ISP über eine Vielzahl von Geräten (wie Router oder Server) gesendet, bis sie im elektronischen Briefkasten des Empfängers ankommt. Dieser befindet sich wiederum auf einem Server eines E-Mail-Anbieters, wie z. B. GMX oder Hotmail. Greift der Empfänger schließlich auf die E-Mail zu, um sie zu lesen, wird diese E-Mail wiederum vom Server des E-Mail-Anbieters über eine Vielzahl von Geräten zu dessen ISP gesendet, bis sie schließlich auf dem Computer des Empfängers ankommt bzw. auf dessen Bildschirm auftaucht. Bei jeder dieser Stationen – den ISPs; den Servern, die die E-Mails weiterleiten; dem Server des E-Mail-Anbieters -- kann die E-Mail gespeichert und gelesen werden. Das gibt häufig Dutzenden von nicht-autorisierten Personen potenziellen Zugriff auf eine E-Mail und deren Inhalt. Die E-Mail kann bei jeder dieser Stationen gespeichert, kopiert und weitergeleitet werden. Löscht man eine E-Mail von seinem Webmail-, POP3- oder IMAP-Konto, wird sie unter Umständen nicht wirklich gelöscht, sondern nur als gelöscht markiert; sie kann vom Server-Eigentümer aber weiterhin eingesehen und gesichert werden. Die E-Mail enthält auch genaue Daten, von welchem Internetanschluss sie gesendet wurde; und schließlich wird erfasst, von welchem Internetanschluss der Empfänger auf die E-Mail zugreift. In der Regel sind das die Internet-Heimanschlüsse des Senders und des Empfängers. Die ISPs des Senders und des Empfängers haben wiederum deren Realnamen, deren Adresse, deren Kontoinformationen, deren Geburtsdaten und weitere persönliche Daten gespeichert, die den Internet-Anschlüssen zugeordnet werden können.

Sendet man eine einfache Suchanfrage an eine Suchmaschine wie Google ist das Prinzip genau das gleiche. Der ISP und eine Vielzahl von Geräten, die die Anfrage zur Suchmaschine weiterleiten, wissen, wer sie gestellt hat und nach was gesucht wird. Die Betreiber der Suchmaschine selbst wissen ebenfalls, welcher Internetanschluss nach was sucht. Und schließlich werden die Daten, die von der Suchmaschine als Antwort auf die Suchanfrage übertragen werden, wiederum über eine Vielzahl von Geräten zum ISP des Nutzers und von dort weiter zu dessen Computer geleitet. Vor allem Google ist für seine Datensammelwut und unbefriedigenden Privatsphärenrichtlinien bekannt. Erfasst und gespeichert wird nicht nur, nach was gesucht wird, sondern auch wer nach was sucht.

Auf diese Art und Weise lassen sich vor allem bei den ISPs, über die sämtliche Daten der Kunden des ISPs gehen, bei Internet-Knotenpunkten, über welche die Daten von Millionen und Abermillionen Internet-Nutzern weitergeleitet werden, bei populären Websites und bei Suchmaschinen wie Google, die einen Marktanteil von rund 80 Prozent besitzen, ganze Persönlichkeitsprofile erstellen. Es kann gespeichert werden, auf welchen Websites Herr Mayer surft, mit welchen Personen er kommuniziert (gleichgültig ob über E-Mail oder Instant Messenger), wonach er sucht, wo er surft, was er liest, was er schreibt, was er herunterlädt, was ihn interessiert.

Dabei geht das typische Argument der Befürworter des Überwachungsstaats, nämlich dass gesetzestreue Menschen ohnehin nichts zu verbergen hätten, natürlich völlig ins Leere und an der Realität vorbei. Erstens ist die Mehrheit der Staaten weltweit für grobe und systematische Menschenrechtsverletzungen bekannt. Korruption, Bestechung und parteiische Rechtssysteme charakterisieren -- mit der Ausnahme von nur wenigen weißen Flecken auf der Landkarte -- ganze Kontinente und Großräume wie Mittel- und Südamerika, Afrika und Südasien. In China leben rund 1/5 der Weltbevölkerung unter einer Diktatur, die friedliche Proteste mit Panzern niederschlägt und für Zigarettenschmuggel Todesurteile ausspricht.    Viele Staaten garantieren weder die Freiheit der Meinung und noch weniger die Freiheit der Presse. In Staaten des Nahen Ostens kann schon eine bloße Liebesaffäre oder eine homosexuelle Orientierung zu Gefängnis- und Prügelstrafen bis hin zur Steinigung führen. Auch westliche Staaten wie die USA haben mit dem "Patriot Act" der Regierung Befugnisse eingeräumt, die sie deutlich jenseits der in der UN-Menschenrechtskonvention garantierten Mindeststandards stellen. Und selbst in Staaten der EU macht sich zunehmend ein limitierter Pluralismus breit. Durch die zunehmende Überwachung und Schnüffelei ist auch das Vertrauensverhältnis zwischen Anwalt und Klient, zwischen Mediziner und Patient oder zwischen Journalist und Informant erheblich gefährdet.

Hinzu kommt die allgemeine menschliche Tendenz zu kategorisieren und Menschen in Schubladen zu stecken. Jemand, der beispielsweise häufig auf islamistische Internetseiten zugreift und Bekanntschaften aus diesem Milieu pflegt, kann schnell Gefahr laufen, als Fundamentalist und Verfassungsfeind abgestempelt und in einer Kartei registriert zu werden. Das kann ganz reale Auswirkungen auf das Leben einer Person haben, etwa wenn sie sich irgendwann einmal für eine Position im Staatsdienst bewirbt; oder es kommt zu einer Hausdurchsuchung --, obwohl es letztlich möglicherweise nur ein Student war, den das Thema und die Ansichten in diesem Milieu interessierten. Geht es die ISPs oder andere Privatpersonen etwas an, wer sich über Viagra, Antidepressionsmittel, Cannabis, Religionen oder politische Ideologien aller Couleur kundig macht -- und warum er dies tut? Geht es selbst den Staat etwas an, solange nicht der geringste Verdacht auf eine strafbare Handlung vorliegt? Traut sich noch jemand nach "Pädophilie" zu suchen -- nicht etwa, weil er ein Pädophiler wäre, sondern weil er sich über das pathologische oder kriminologische Phänomen und dessen Ausmaße im Internet kundig machen will --, wenn einmal privaten ISPs der gesetzliche Auftrag gegeben wird, alle Daten auf Vorrat zu speichern?

Glaubt wirklich jemand, dass elektronische Daten, die ohne eine Spur zu hinterlassen beliebig vervielfältigt werden können, jemals gänzlich gelöscht werden?  Niemand kann es kontrollieren. Who watches the watchmen? Wie viele Leute werden in Zukunft Gefahr laufen, als Verdächtige eingestuft und in Untersuchungen hineingezogen werden, bloß weil sie auf einen Link klicken, den ihnen ein Bekannter mit der Nachricht "Wahnsinn! Ich glaub's nicht! Schau dir das mal an!" weitergeleitet hat?

Was bei der Diskussion betreffend der Vorratsdatenspeicherung häufig übersehen wird, ist, dass die Behörden im Rahmen der ordentlichen Strafrechtspflege ja bereits jetzt das Recht haben, die Internetanschlüsse von Verdächtigen zu überwachen. Bei der Vorratsdatenspeicherung geht es eben nicht um Abhörbefugnisse für die Internet-Kommunikationen von potenziellen Straftätern, gegen die ein konkreter Tatverdacht vorliegt, sondern um das pauschale Abhören und Speichern sämtlicher Internetverbindungen von rund 500 Millionen EU-Bürgern -- und zwar ohne dass auch nur der geringste Verdacht auf strafbare Handlungen vorliegen würde.

Selbstverständlich ist die Vorratsdatenspeicherung auch nicht übermäßig hilfreich, Internet-Verbrechen überhaupt substanziell einzudämmen. In dem Augenblick, wo Verbrecher wissen, dass ihre Verbindungen aufgezeichnet und gespeichert werden, werden sie sich natürlich dagegen schützen. Im Internet gibt es tausende fehlerhaft konfigurierte, offene Proxyserver. In jeder Großstadt gibt es tausende fehlerhaft konfigurierte WLANs, zu denen jeder einfach eine Verbindung herstellen kann und so anonym Zugriff zum Internet erhält. Es gibt Internet-Cafés, öffentliche Hotspots und öffentliche Terminals auf Universitäten und Flughäfen. Mit gestohlenen Kreditkartendaten oder einem gehackten PayPal-Konto kann jeder Straftäter unter falschem Namen einen dedizierten Server anmieten und darauf nicht-loggende Proxy- und/oder VPN-Server aufsetzen, die seine Identität schützen. Die Möglichkeiten sind nahezu unendlich. Jeder Informatiker und Kriminologe ist sich dessen bewusst. Auf der Strecke bleiben nicht die Verbreiter bösartiger Viren, die Kreditkartenbetrüger, die Pädophilen und die Terroristen, die das Internet für kriminelle Zwecke missbrauchen und gegen die die Vorratsdatenspeicherung angeblich gedacht ist, da diese Personen über hinreichendes Fachwissen verfügen, um sich und ihre Aktivitäten zu schützen -- sondern der normale Bürger, der dieses einschlägige EDV-Wissen eben nicht hat.

Zuletzt korrumpiert auch Macht, und, wie wir wissen, korrumpiert mehr Macht sogar noch mehr. Selbst in den westlichen EU-Staaten wie Deutschland tauchen beispielsweise schon jetzt laufend unter Vertraulichkeit stehende Polizei- und Gerichtsakten in den Medien auf. Wie viele Menschen werden durch die Vorratsdatenspeicherung in Zukunft erpressbar werden? Wegen einer politischen "Jugendsünde"; wegen ihrer (straffreien) sexuellen Vorlieben, die sie lieber für sich behalten wollen (was auch deren gutes Recht ist); wegen einer unbedachten Äußerungen im Zustand emotionaler Erregung; und wegen all der mannigfaltigen sonstigen Gründe, die in einer durch Populismus, ideologische Verhetzung, Skrupellosigkeit und Machtinteressen gekennzeichneten politische Landschaft ausgeschlachtet werden?

Soziologisch gesehen, verhalten sich beobachtete Menschen auch anders als unbeobachtete. Menschen unter Beobachtung tendieren dazu, sich an die Gesellschaft und dem Verhalten, das von ihr erwartet wird, anzupassen und akzeptierte, populäre Meinungen zu unterstützen. Das mag in der islamischen Welt das Kopftuch, in den USA die Todesstrafe, in Deutschland etwas anderes sein. Jeder Fortschritt geht allerdings von Ideen aus, die zunächst nicht von der Mehrheit praktiziert, unterstützt oder akzeptiert werden. Insofern wirkt sich zunehmende Überwachung auch negativ auf den Fortschritt und die Weiterentwicklung der Gesellschaft aus.

Perfect Privacy möchte der Schaffung "des gläsernen Menschen", den die elektronische Datenspeicherung, Datenzentralisierung und Datenüberwachung mit sich bringt, entgegenwirken, und die Vertraulichkeit von Internet Kommunikationen wiederherstellen. Zwei Personen, die sich persönlich treffen, können alles miteinander austauschen, ohne dass dies verzeichnet oder gespeichert wird. Eine private Kommunikation ist eine Angelegenheit der Beteiligten – und nicht des Staates und noch weniger anderer Unbeteiligter; und es gibt keinen Grund, warum dies bei Internet-Kommunikationen nicht der Fall sein sollte.

Wir bieten eine Reihe von Diensten an, die das Recht auf Privatsphäre und
Datenselbstbestimmung von Internet-Nutzern durch Verschlüsselung und Anonymisierung der übertragenen Daten wiederherstellen: OpenVPN, PPTP VPN, SSH2 Tunneling, HTTP- und SOCKS5 Proxies. L2TP/IPSec befindet sich in der Beta-Phase. Dies sind verschiedene Dienste und Protokolle, die das Verschlüsseln und Anonymisieren des gesamten Internet-Verkehrs oder -- sofern gewünscht -- auch von nur Teilen davon gewährleisten.

Alle übertragenen Daten werden sodann automatisch im Hintergrund verschlüsselt und über einen- oder mehrere Privatsphärenserver gesendet, die die Daten anonymisieren und weiter zum Ziel senden (z. B. einer Webseite, einem FTP-Server, dem Instant-Messenger eines Bekannten oder einem Mail-Server).

Für den Nutzer bedeutet dies also, daß er sich nur mit einem unserer Privatsphärenserver verbinden muss. Danach kann er das Internet wie gewohnt verwenden, und alle eingehenden und ausgehenden Daten werden automatisch verschlüsselt und anonymisiert.

Der Nutzer braucht von den technischen Hintergründen eigentlich nichts wissen. Man braucht kein Informatiker oder Computer-Experte zu sein, um unsere Dienste zu nutzen. Im einfachsten Falle der Verschlüsselung des gesamten Internetdatenverkehrs, verwendet oder installiert der Nutzer ein Programm, das ihn zu einem unserer zur Zeit mehr als 30 Privatsphärenserver in mehr als 15 Ländern verbindet. Der Server, zu dem sich ein Nutzer verbinden will, ist dabei frei wählbar und auch jederzeit wechselbar. Wir bieten deshalb Server in so vielen Ländern und auf vier Kontinenten an, da dies für unsere Mitglieder einerseits Geschwindigkeitsvorteile bringt. Beispielsweise ist es für ein Mitglied in Deutschland, das vorwiegend in Deutschland surft, in der Regel vorteilhaft, einen europäischen Server zu wählen, da die Route weitaus kürzer ist. Ferner bieten verschiedene Länder auch unterschiedliche judizielle Vorteile und besondere Zugriffsberechtigungen an. So kann beispielsweise jemand in China oder im Nahen Osten die Internet-Zensur seines Landes durchbrechen, indem er sich zu einem Server in Hongkong, den USA oder Europa verbindet. Manche Webseiten und Dienstleistungen sind auch nur aus bestimmten Ländern erreichbar. So könnte sich beispielsweise ein Nutzer in Deutschland die Online-Fernsehprogramme und -Streams der BBC ansehen, indem er sich zu unserem britischen Server verbindet. Sinngemäß kann man sich über unsere amerikanischen Server etwa die Programme von hulu.com und fox.com und über unsere Schweizer Server bestimmte Programme auf zattoo.com ansehen, die für Personen mit deutscher IP-Adresse nicht verfügbar sind.

Es wird häufig gefragt, wie sicher unsere Verschlüsselung ist. Wir verwenden beispielsweise für OpenVPN 4096-Bit Public-Key-Encryption für den Schlüsselaustausch und AES-256-bit für den Datenaustausch. Es mag ausreichend sein, dass es keine erfolgreichen kryptologischen Angriffe auf die vollen Implementierungen dieses Cipher gibt und Brute-Force-Angriffe (also das Ausprobieren aller "Passwortmöglichkeiten") selbst mit den schnellsten Supercomputern unserer Zeit noch mehrere Milliarden Jahre dauern würden.

Warum das so ist, mag ein einfaches Zahlenbeispiel veranschaulichen: Es ist für uns alle schwierig, uns immens große Zahlen vorzustellen. Eine Zahl, deren Ausmaß unser Vorstellungsvermögen vielleicht noch fassen kann, ist eine Billion, also eine Million Millionen oder 1.000.000.000.000. Zwölf Nullen, also man könnte diese Zahl auch als 1e12 schreiben. Ungefähr 100 mal so viel wie die Größe der Weltbevölkerung in ein paar Jahrzehnten sein wird. Oder so viele Atome, wie ungefähr ein drittel Nanogramm Gold (von der Größe einer Bakterie) besitzt.

Die Anzahl der Atome in unserem Universum, einschließlich der theorisierten dunklen Materie, wird hingegen von Physikern auf zwischen 1e78 und 1e81 geschätzt, also "1" gefolgt von 78 bis 81 Nullen. Eine nicht mehr vorstellbare Zahl, beinhaltet sie doch die Atome von hunderten Milliarden an Galaxien mit je hunderten Milliarden an Sonnensystemen. Diese Zahl der Möglichkeiten entspricht ungefähr einem 256-bit Schlüssel (= ungefähr 1e77).

Und ein 4096-bit Schlüssel? Das wären 2 hoch 4096 Möglichkeiten oder ungefähr 1e1233. "Fantastillionen" mal mehr als Atome in unserem Universum. Informatiker gehen also selbst bei dem jährlichen exponentiellen Wachstum der Rechengeschwindigkeit der Computer davon aus, dass solche Schlüssel für zumindest die nächsten 100 Jahre sicher sein sollten.

Lars Sobiraj: Wie ist es zur Gründung von Perfect Privacy (PP) überhaupt gekommen?

PP: Spätestens seit das Internet den Kinderschuhen entwachsen ist, gibt es Tendenzen, den Inhalt des Internets zu kontrollieren (Zensur); zu erfassen, wer auf welche Daten zugreift und wer welche Inhalte zur Verfügung stellt (Überwachung); sowie diese Nutzungsdaten zu sammeln und in Datenbanken aufzubereiten (Datenspeicherung). Vorangetrieben werden diese Maßnahmen vor allem von den Staaten und Regierungen selbst, die ein Interesse daran haben, den Informationsfluss zu regulieren und die Bürger zu überwachen, sowie von internationalen Konzernen, die einerseits ihre Urheberrechte schützen wollen und andererseits an Datenbanken zum effektiven Marketing interessiert sind. Des Weiteren sind Daten und Informationen ganz einfach Geld (siehe Google). Selbst die Rolle der Medien, die eigentlich ein Interesse an Informationsfreiheit haben (sollten), ist ambivalent, da sie andererseits ebenfalls ein Interesse an Informationsdatenbanken haben.

Auf der Strecke bleibt der Bürger, der den immer weitergehenden Überwachungsmaßnahmen und der Datensammelwut bzw. dem Datenzentralisierungswahn hilflos ausgeliefert ist. Dabei wird selbst vor Menschen- und Grundrechten, die noch vor zehn oder zwanzig Jahren im Westen als selbstverständlich galten, wie beispielsweise dem Recht auf Privatsphäre oder dem Recht auf (Daten-)selbstbestimmung, nicht Halt gemacht: diese Rechte werden im Gegenteil schleichend eingeschränkt, wenn nicht sogar ganz offen und systematisch abgeschafft. Symbolcharakter dafür hat die EU-Richtlinie 2006/24/EC, zu deren Umsetzung alle EU-Mitgliedsländer verpflichtet sind, und die den Internet-Zugangsanbietern vorschreibt, die Verbindungsdaten sämtlicher Nutzer für mindestens sechs Monate auf Vorrat zu speichern -- und zwar ohne dass auch nur der geringste Verdacht eines Verbrechens oder auch nur eines Vergehens vorliegen würde.

Vom Internet auf die Realwelt umgemünzt würde diese Direktive bedeuten, dass jede Person, die sich in der EU aufhält, einen nicht entfernbaren GPS-Chip zu tragen hätte und dass die laufend erfassten Koordinaten für mindestens sechs Monate auf Vorrat gespeichert werden müssten, damit nachvollzogen werden kann, mit welchen anderen Individuen, Firmen oder Institutionen die Person genau wann "Verbindung" aufgenommen hat. Und zwar ohne dass auch nur der geringste Verdacht auf eine kriminelle Handlung vorliegen würde. Es ist einleuchtend, dass eine solche Gesetzgebung mit den Grundwerten einer freiheitlich-demokratischen Gesellschaft nicht vereinbar ist, gleichgültig, ob sie das Internet oder den restlichen Lebensbereich betrifft. Es ist nicht nur ein Frontalangriff auf das Grundrecht der Privatsphäre, sondern bereits ein totalitärer, ja, schlechthin orwellesker Wahnsinn.

Lange Rede, kurzer Sinn: Aufgrund des immer repressiver werdenden Klimas ist die Verwendung des Internets ohne Verschlüsselung und Anonymisierung ganz einfach keine Option mehr. Deshalb hatten wir vor rund zwei Jahren systematisch ein paar Privatsphärendienste unter die Lupe genommen, von denen aber keiner unseren Erwartungen entsprochen hat. Entweder waren die Dienste zu langsam, oder sie verschoben das Logging vom ISP bloß auf ihre Server, oder sie boten nur einen oder zwei Server in der EU oder den USA an, oder die Verschlüsselung war zu unsicher, oder es gab nur eine bestimmte Verbindungsmöglichkeit (zumeist SSH oder PPTP VPN), oder der Dienst war häufig nicht erreichbar, oder es gab keinerlei Unterstützung bei Problemen, usw. usf.

Daraufhin entstand die Idee, selbst einen besseren Privatsphärendienst ins Leben zu rufen: von Datenschützern für Leute mit erhöhtem Schutzbedürfnis (Journalisten, Rechtsanwälte, Menschenrechtsaktivisten, usw.); für Leute, die sich die einst teuer von vorherigen Generationen für uns erfochtenen Rechte auf Freiheit und Privatsphäre nicht wieder einfach wegnehmen lassen wollen; und natürlich auch für den Otto-Normalverbraucher. Es geht uns ja auch darum, Bewusstsein zu schaffen. So entstand dann also die Arbeitsgemeinschaft Perfect Privacy. Angefangen haben wir vor rund eineinhalb Jahren mit nur drei Servern (einen in Asien, einen in Europa und einen in Nordamerika). Zwischenzeitlich sind wir zwar immer noch nicht ganz dort, wo wir sein wollen -- und weitere Verbesserungen werden folgen --, aber immerhin doch schon ein paar Schritte weiter.

Lars Sobiraj: So ganz klar wird der Träger eures Angebots nicht auf eurer Webseite bekannt gegeben. Wie viele Personen stehen hinter PP, und was sind jeweils deren Aufgaben?

PP: Im Augenblick rund ein halbes Dutzend, wobei einige ständig und einige nur manchmal mitwirken. Ein strikte Aufgabenverteilung gibt es nicht, außer der, die sich ganz natürlich entwickelt: nämlich, dass diejenigen Angelegenheiten, über die eines unserer mitarbeitenden Mitglieder ganz besonders gut Bescheid weiß, in der Regel auch von ihr wahrgenommen werden. Es sei denn, diese Person ist im Augenblick nicht verfügbar, dann macht es eben jemand anderer. Das hat den positiven Effekt, dass jeder mit (nahezu) allem bis zu einem gewissen Grade vertraut ist, sich keine allzu strikten hierarchischen Strukturen entwickeln, und sich auch keine Monotonie einschleicht.

Der zweite Teil des Interviews ist hier einsehbar.

Lars Sobiraj am Mittwoch, 23.12.2009 23:57 Uhr

tagsTags: ssh vpn anonymisierungsdienste proxy perfect privacy tor

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77 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Chronoton am 13.01.2010 21:45:28

    @Xerolux da stimme ich dir fast vollkommen zu. falsch ist jedoch, dass es keine gesetzliche grundlage für die vorhin genannte prozedur gibt. siehe http://dejure.org/gesetze/StPO/100a.html mfg chronoton ...

  • Xerolux am 13.01.2010 21:24:35

    und wenn sie dazu gezwungen werden würden, was Gesetzlich nicht möglich ist ausser vielleicht wenn terroristen pp nützen würden, dann würde sie den Server einfach schliesen und wo anders nen neuen aufmachen... -> schwups hat sich das problem von selbst erledigt. Ich vertrau lieber pp als den a ...

  • FoobarGT am 07.01.2010 18:59:48

    Alter Schwede, was ist denn hier los? Was soll der von PP noch mehr sagen? Jeder der ein wenig mitdenkt, kann aus den Aussagen herauslesen, was Sache ist. Sollen die sagen "Hey klar, Ihr könnt bei uns jeden Scheiß machen, kommt nur her und baut Mist". Auch in dem anderen viel längerem Faden(d ...

  • BudFudlecker am 07.01.2010 15:33:19

    Das ist ein Konstrukt aus dem Iran oder China, nicht aus Deutschland. Ich erinnere mich daran erst neulich von einem User gelesen zu haben der eine Hausdurchsuchung bekommen hatte weil er vor Jahren über Ebay einen Artikel ersteigert hat von einem Pädophilen ...

  • Camel_Filters am 07.01.2010 13:52:23

    Hier stellt sich für mich (als Kunde der nichts illegales macht) die Frage, ob ich nicht durch einen Dienst wie PP erst ins Fadenkreuz gerate. Das ist ganz sicher so, schließlich trittst du aus einer riesigen Masse an Leuten in eine extremst viel kleinere Ma ...

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