
Manchen erscheint die Art und Weise wie die Debianer ihr OS veröffentlichen zu konservativ. Wer nicht auf Sicherheit verzichten möchte, ohne unnötig lange auf das nächste Update warten zu müssen, der könnte bei der Linux-Distribution Sidux richtig sein. Das neueste Unterfangen der Sidux-Community ist Seminarix. Dabei handelt es sich um ein Bildungs-Projekt, das unter Anwendung Freier Software die Ausbildung von Lehrerinnen und Lehrern mit Computerunterstützung preiswerter, effektiver und anschaulicher gestalten soll.
Ob nun in der Schule oder nicht - warum sollte man bei seinem Betriebssystem und seinen Programmen auf Open Source setzen? Wir haben uns vor einigen Wochen auf der FrOSCon eingehend mit Walter Güldenberg, einem der Gründungsmitglieder vom Sidux e. V. unterhalten.
Lars Sobiraj: Dann stell dich den Lesern von gulli doch einfach mal vor.
Walter Güldenberg: Hallo, mein Name ist Walter Güldenberg. Ich bin 51 Jahre alt, und schon recht lange mit den unterschiedlichsten Betriebssystemen unterwegs. Hauptsächlich natürlich mit Linux, primär Debian, weil Sidux auf Debian Unstable aufsetzt. Wir haben ein eigenes Repo (Repository = Archiv), also eigene Pakete. Daneben existieren die Pakete von Debian/unstable "sid" (still in development). Vielleicht hast du schon mal von den verschiedenen Versionen von Debian gehört: Potato, Sarge, Etch, Lenny und so weiter. Aber "sid" bleibt immer sid. Das bedeutet, die Pakete gelten nicht mehr als experimentell, sie wurden aber auch noch nicht als stable (zuverlässig) bezeichnet. Alles läuft trotzdem stabil, es kommt also nicht ständig zu Abstürzen. Höchstens wenn ganz viele neue Pakete gleichzeitig installiert werden, könnte es passieren, dass Teile vom System nicht mehr laufen, weil unterschiedliche Versionen Konflikte miteinander haben, das passiert aber nur selten.
Für solche Fälle haben wir aber recht aktive User, die testen, testen und testen. Im Forum findest du eine extra Abteilung mit dem Namen Upgrade Warnings, sowohl in Deutsch als auch in Englisch. Sollte ein neues Paket eine Macke haben, dann wird dort vor der Installation gewarnt. Neulinge warten einfach einen Tag ab. Oder aber man postet Workarounds, wie man eigenhändig die Macke beheben kann. So werden neue Pakete von Debian mit einem Fehler in unserem Repo (Archiv) mitgepflegt. Die User nehmen dann halt unseren Fix, wo die korrigierten Codezeilen enthalten sind. Wir sind alle nur Menschen und kochen alle mit Wasser, das kann immer mal passieren. Zu behaupten unser Sidux ist das einzig Gehbare auf der Welt wäre vermessen.
Lars Sobiraj: Wie ist es eigentlich zu der Trennung zwischen Debian und Sidux gekommen? Oder ist Sidux vielmehr eine Weiterentwicklung von Debian?
Walter Güldenberg: Es gibt keine Trennung. Eigentlich ist Sidux aus Kanotix hervorgegangen. Kanotix wiederum hat seinen Ursprung in den Knoppix Live-CDs. Knoppix war ein Mix aus Stable und Unstable. Solche Systeme kannst du installieren. Aber du kannst sie nie auf den neuesten Stand bringen. Du musst immer einem strikten Upgradepfad folgen. Und weil dir sonst alles um die Ohren fliegt, war Knopper immer nur als Live-CD gedacht. Daraus entwickelte sich später Kanotix, was wegen der Aktualität der Software auch auf "sid" aufsetzte. Spezielle Kernel konnten damals die neueste Hardware unterstützen, so zum Beispiel die AVM ISDN-Karten, mit denen viele andere Betriebssysteme so ihre Probleme hatten. Irgendwann wurde bei Kanotix entschieden, kein sid mehr einzusetzen und aus kommerziellen Gesichtspunkten heraus nur noch auf stable zu setzen. Jörg Schirottke (kano) glaubte, er könnte damit Geld verdienen, das ist aber in die Hose gegangen. Setzt man nur noch auf stable, so macht man auf Dauer ein Softwaremuseum auf.
Nun. Die Community sah das anders als kano. Wir wollen immer die frischeste Software haben, auch wenn es manchmal ein wenig holprig sein mag. Aus diesem Wunsch ist dann 2006 Sidux entstanden. 2007 haben wir dann die erste eigene installierbare CD und vieles mehr veröffentlicht. Mittlerweile unterstützen wir 32-Bit als auch 64-Bit mit dem Desktop KDE als auch Xfce. Xfce ist minimalistischer und bei KDE kann man mehr grafische Gimmicks implementieren. Am 1. April 2007 haben wir, obwohl das kein Scherz sein sollte, den Sidux e.V. gegründet, der auch letztendlich deutschlandweit das Sidux-Projekt vorstellt. Um juristisch greifbar zu sein und Spenden entgegennehmen zu können, haben wir den Verein gegründet. Alle hier auf dem Stand auf der FrOSCon sind Vereinsmitglieder. Die Karawane zieht weiter, wie man so schön sagt. Linux-Tag, FrOSCon, dieses Jahr erstmalig die OpenRheinRuhr etc. Wir sind meist zusammen mit den Leuten von CAcert auf solchen Veranstaltungen. Viele Verantwortliche sind in Doppelfunktion unterwegs, da kann man sich gut untereinander helfen, sollte Bedarf bestehen. CAcert ist ganz grob gesagt ein kostenloser elektronischer Ausweis. Wenn Assurer (Personen, die Zertifikate vergeben dürfen) fehlen, bin ich dort zur Stelle. Irgendwie gleicht sich das immer aus. Manchmal hilft man halt am einen oder anderen Stand aus, das kommt immer darauf an. Würden wir uns einen Stand mit einer anderen Distributionen teilen, so könnte es eventuell zu unnötigen Diskussionen kommen. Bei CAcert kann das nicht passieren, das ist völlig neutral.
Lars Sobiraj: Wie ist denn euer Verhältnis zu den Leuten von Debian, unterstützt man sich gegenseitig?
Walter Güldenberg: Ja, natürlich. Wir hatten beim diesjährigen Linux-Tag einen Gemeinschaftsstand. Beim Chemnizer Linux Tag haben wir für die Debianer 150 Kopien von CDs erstellt. Wir sind keine Konkurrenz, denn wir ziehen letztendlich am gleichen Strang. Wir versuchen alles Neue zu testen und gewonnene Erkenntnisse fließen auch zurück zu Debian. Das funktioniert aber auch in die andere Richtung, das ist ein ständiges Geben und Nehmen. Wir haben den Schwerpunkt auf sid und Debian verfolgt im Gegensatz dazu viele Ziele gleichzeitig. Die haben keine offizielle Distribution, die auf sid aufsetzt. Wenn große Umwälzungen stattfinden, können bei uns natürlich auch Probleme entstehen.
Das Besondere an Sidux, es ist ein sogenanntes Rolling Release. Du installierst nur ein Mal und machst danach lediglich Upgrades. Das System bleibt immer aktuell, du musst nicht komplett neu installieren. Bei SuSe, Ubuntu, Kubuntu musste man das System bisher zirka alle zwei Jahre komplett neu installieren. Ich selber habe eine Installation aus 2006, die aber noch immer sauber und stabil läuft. Neue Pakete und Kernel drauf, Feierabend.
Lars Sobiraj: Wie siehst du die Zukunft der Freien Software?
Walter Güldenberg: Ich glaube die wird noch mehr eingesetzt, weil Freie Software die preiswertere Lösung ist. In der Industrie, Verwaltungen und Schulen herrscht ein enormer Kostendruck. Immer mehr setzen auf OpenOffice.org. Auch mehr und mehr Server werden auf Open Source umgestellt. Der Vorteil ist auch, dass die Admins mit unseren Lösungen auch mit älterer Hardware arbeiten können. Ich selbst betreibe mit Sidux einen Server mit einem Pentium 2, das reicht vollkommen aus. Eine Serverlösung von Windows würde mir erzählen: Also mein Freund, mit der Hardware geht das aber Mal gar nicht. (er lacht) Wir sind gerade im Gespräch mit einer belgischen Mittelstandsvereinigung. Die würden ihre Hardware gerne umstellen, aber bislang fehlt ihnen das nötige Know-how dafür. Kosten fallen für die Wirtschaft nur für den Support an. Zu sagen kostet nichts, ist nichts – das stimmt so nicht. Für fast jede Windows-Anwendung gibt es ein Äquivalent in der Linux-Welt. Es gibt ganz grob gesagt rund 30.000 Programme, das heißt, du hast für jede Alternative noch eine Alternative. Es gibt eine riesige Vielfalt, man muss sich nur ein wenig damit beschäftigen. Wichtig ist zu verstehen, wie alles ineinandergreift. Anfangs muss man halt ein wenig Zeit investieren. Wer von Windows kommt und sich das erstmals anschaut, wird erstaunt sein, wie viele Möglichkeiten es hier gibt. Für den Einsteiger sind manche Distributionen leider eine ziemliche Hürde. Von außen sieht das zwar erst mal ähnlich aus, aber im Background funktioniert alles gänzlich anders.
Unser neuestes Projekt ist übrigens Seminarix, bei dem Schulen komplette Desktopanwendungen und viel Software angeboten werden. Im Gegensatz zu anderen Projekten ist dies keine Serverlösung, sondern es richtet sich direkt an die Lehrer und jungen User selbst.
Lars Sobiraj: Was reizt dich persönlich an der Vereinsarbeit?
Walter Güldenberg: Hier sind viele sehr nette Menschen. (er grübelt) Ich denke es ist wichtig, den Gedanken freier Software und offenen Code möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Aufklärung tut auch bei CAcert Not. Irgendwann werden wir uns mit den Verwaltungen und Behörden nur noch elektronisch auseinandersetzen. Dafür werden wir einen elektronischen Pass brauchen. Es wäre sehr ungünstig, wenn uns der Gesetzgeber dazu zwingen würde, diesen Pass gegen ein gewisses Entgelt bei einer Firma zu kaufen. Meldungen der Arbeitgeber an die Krankenkasse, Rentenversicherung etc. können schon jetzt elektronisch durchgeführt werden, doch dafür braucht man einen Schlüssel zur Verschlüsselung und Identifizierung. Der Schlüssel kann derzeit nur von einer Institution bezogen werden. Ich sag mal knallhart: Das ist wie die Lizenz zum Geld drucken! Dazu kommt, dass der Schlüssel alle paar Jahre neu erworben werden muss. Was wäre, wenn die den Preis verdoppeln und einem keine Alternative gelassen wird? Das finde ich nicht gut. Dann kann ich die Daten nicht übermitteln, die Leute kriegen keine Rente, ich aber dafür umso mehr Mahnungen etc.
Deswegen ist es mir wichtig, diese Sache publik zu machen und von mir aus drei Tage und drei Nächte zu investieren. Es bringt nichts Plakate zu malen oder zu argumentieren, was schlecht ist. Man muss den Leuten in Gesprächen Alternativen aufzeigen, das ist endscheidend. Es dauert halt seine Zeit den Anwendern zu erläutern, warum quelloffene Software besser als proprietäre Software ist.
Lars Sobiraj: Was ist denn so verkehrt an Closed Source?
Walter Güldenberg: Ganz einfach. Alles, was geschlossen ist, da kannst du nicht reinschauen. Da könnte man böse Dinge tun. Jetzt mal ein ganz krasses Beispiel. Warum finden Misshandlungen von Kindern hinter geschlossenen Türen statt und nicht auf der Straße? Warum wird im Dunklen eingebrochen und nicht bei Tageslicht? Immer wenn ich etwas nicht durchschauen kann, sehen kann, ist es mir suspekt. Ich weiß bei Closed Source nicht, was mit meinen Daten geschieht. Deswegen Leute. Verschlüsselt zumindest eure E-Mails, benutzt PGP, GnuPG. Ansonsten schickt ihr Postkarten durchs Netz. Wenn ihr einen wichtigen Brief habt, macht ihr auch einen Umschlag drum und verschickt das nicht per Postkarte. Und dafür ist die Verschlüsselung gedacht. Ich habe in den eigenen Reihen deswegen Online-Workshops durchgeführt, bis der Letzte verinnerlicht hat, wie es geht.
Open Source heißt ganz einfach zu vermitteln, dass man reinschauen kann. Und sobald es offen ist, kümmern sich sofort mehr Leute darum. Selbst wenn das für dich mit dem Programmieren nur böhmische Dörfer sein mögen. Andere Menschen können schnell und präzise erkennen, ob z. B. bei der Anwendung eines Programms Daten gestohlen werden. Auch unwissentlich eingebaute Fehler können zu Sicherheitslücken führen. Bei Closed Source ist es so: Du musst es glauben oder du lässt es. Du kannst höchstens die Ports überprüfen, wohin was verschickt wird. Aber das sagt nichts darüber aus, was in dem Programm tatsächlich vor sich geht. Ich kann dir auf dem Bildschirm die tollsten Dinge zeigen, während ich gleichzeitig dein Konto leer räume. Das mag ein Extrembeispiel sein aber das ist der Grund, warum ich bei verschlossener Software immer ein schlechtes Gefühl habe.
Lars Sobiraj: Das Beispiel bringt dein Anliegen gut auf den Punkt. Walter, viel Erfolg weiterhin mit eurem Projekt und vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch!
Fotos vom Sidux-Stand und dem Eingang der FrOSCon: Lars Sobiraj.
Lars Sobiraj am Sonntag, 22.11.2009 22:40 Uhr
Wie wäre es mit vorher reden? Jedes Projekt hat eine oder mehrere Mailinglisten und bevor ich einen Patch schreibe kann ich fragen, ob die neue/geänderte Funktionalität erwünscht wird. Wenn ich gleich mit der Tür ins Haus falle, ist klar, dass da etwas nicht funktionieren kann. Einerseits ents ...
Hättest du denn eine bessere Lösung bei einem nicht akzeptierten Patch? - Der Patchersteller hat Arbeit investiert um den Patch zu erstellen und würde diesen folglich auch gerne benutzen - Der/Die Maintainer lehnen diesen Patch aus welchen Gründen auch immer ab - Der Patchersteller erstellt n ...
Es ist doch aber eher so, dass wegen jedem zweiten abgelehnten Patch dann ein Projekt geforkt wird. Das fördert nicht gerade das Vorankommen von Open Source im Allgemeinen sondern verteilt recht effektiv die vorhandenen Kräfte. ...
Warum? Es ist doch so, dass es auch bei den OSS Projekten klare Rangordnungen gibt - nicht jeder hat Schreibrechte auf den GIT/SVN/CVS-Servern um ein Beispiel zu nennen. Wem das Projekt nicht passt, der kann es ja selbst forken und es dann verbessern, einen größeren Schwerpunkt auf seine eigenen K ...
Also der "ich bin mein eigener Chef"-Gedanke ist aber genau das Gegenteil von dem, was man mit Open Source eigentlich erreichen will. ...
Lars Sobiraj am 20.05.2012, 16:54 Uhr
Im US-amerikanischen iTunes Store wurden statt dem Begriff "Jailbreak" lediglich Sternchen zwischen dem Anfangs- und Endbuchstaben angezeigt. Davon waren letztlich alle Kategorien betroffen. So wurden neben Apps auch Klingeltöne, Podcasts, Musikstücke, ganze Alben und eBooks zensiert angezeigt. Laut den Untersuchungen von Shoutpedia waren mehrere Monate lang 95% aller Begriffe davon betroffen.
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