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Deckel Drauf! Die Gulli-Glosse (Woche 46/2009)

Wieder einmal haben wir das Ende einer Woche erreicht. Wer sonst etwas erreicht hat, ob Epic Fail, Triumph oder Lacherfolg, das schauen wir im Wochenrückblick der gulli:News - wie immer böse, unzensiert und ebenso verrückt wie die Realität.

In die Warteschleife (allerdings ohne komische elektronische Musik) schickte Blizzard diejenigen, die auf Diablo 3 oder Starcraft 2 warten. Zwar sind die Communities in beiden Fällen das Warten schon gewöhnt - aber das macht es für die Betroffenen wohl kaum besser. Schließlich sind Windows-98-Nutzer über den zweihundertsten Bluescreen auch nicht begeisterter als über den ersten, und auch wer Berichte über seine Konflikte mit dem Gesetz schon mit den Worten "Bei meiner letzten Hausdurchsuchung…" einleitet wie ein namentlich nicht bekannter Hacker in Udo Vetters denkwürdigem Schulungsvideo wird die Gesetzeshüter wohl kaum mit rotem Teppich und Champagner begrüßen. Auf ähnliche Begeisterung dürfte auch die erneute Verschiebung der heiß erwarteten Games stoßen. Und wer ist schuld? World of Warcraft. Im Gegensatz zu Amokläufen und Sauf-Exzessen dieses Mal wohl wirklich, immerhin haben die Blizzard-Devs - nein, nicht zuviel WoW gezockt, obwohl auch das durchaus denkbar wäre. Aber zuviel an dem MMORPG programmiert. Nun ja, allen kann man es wohl nicht recht machen.

Das merkten wohl auch diverse Politiker in Österreich. Diese streiten sich momentan um die Umsetzung der Vorratsdatenspeicherung. Und stellen fest, dass zwar die Mehrheit der Politiker und auch viele Menschen im Land ebenso gegen diese Maßnahme sind wie nach Ansicht führender Rechtsexperten die rechtlichen und ethischen Belange - dass aber die EU ziemlich sauer reagiert, weil in Österreich noch immer nicht gevorratsdatenspeichert… vorratsdatengespeichert… datenvorratsgespeichert… machen wir es kurz, jeder bei der Telekommunikation überwacht wird. Ein ziemliches Dilemma für Österreichs Politiker, das aber wohl bald mit einer zumindest minimalen Umsetzung der EU-Richtlinie enden wird. Offenbar sollte die Behauptung, Abgeordnete seien nur ihrem Gewissen verpflichtet, geändert werden: "Nur ihrem Gewissen und den neuesten paranoiden Plänen der EU." Na dann, Freude schöner Götterfunken...

Weniger Bedenken bei der Beschneidung von Grund- und Bürgerrechten hat offenbar mal wieder die Junge Union. Diese hat kurzerhand die schon leicht von Eiskristallen bedeckten (da derzeit auf Eis gelegten) Netzsperren-Pläne ihrer großen Vorbilder genommen und möchte sie wieder aufwärmen. Gerüchte, dass man sich dabei Frostbeulen am Gehirn geholt hat, sind natürlich reine Spekulation. Da Kinderporno aber als Argument für diese Form der Informationskontrolle (Zensur klingt so unfein) offenbar sein Ziel verfehlt hat, greift man zu Standard-Argument Nummer zwei: islamistischer Terrorismus. Genau richtig, immer richtig. Nur echt mit den 64 Bombendrohungen. Das ganze wird dann gut umgerührt, und schon glaubt man, das richtige Rezept für die Politik der nächsten Jahre gefunden zu haben: Netzsperren gegen den islamistischen Terror. Sozusagen der Grundrechtseinschränkungs-Remix. Einzig ein Gutes hat dieser dumme, gestrige, autoritätsgläubige Vorstoß der jungen Konservativen: Er liefert ein handfestes Argument gegen die kurzsichtige und destruktive Mär vom Generationenkonflikt, nach der jeder unter 35 die Freiheit ebenso liebt wie seinen PC und alle darüber ewig gestrige Jasager sind, die das Internet ausdrucken und alles glauben, was in der Bildzeitung steht. Der Zusammenhang zwischen Alter und PC-Kenntnissen ist noch nachvollziehbar, wobei auch hier Ausnahmen immer wieder gerne die Regel bestätigen. Aber zwischen Alter und Freiheitsliebe? PC-Kenntnissen und Freiheitsliebe? Wäre schön, wenn es so einfach wäre. Blöderweise waren auch schon bevor es PCs gab Menschen gegen staatliche Überwachung, gegen Zensur und für mehr individuelle Freiheiten auf der Straße. Vielleicht sogar häufiger, liefen sie doch nicht Gefahr, dass ihre Demonstrationen sich in Form von Flashbannern, Foren-Flames und Schäuble-Ecken abspielten. Keineswegs soll hier der Eindruck erweckt werden, dass früher alles besser war. Aber ebenso wenig sind alle, die ein bisschen mehr Früher erlebt haben als heutige Teens und Twenty-Somethings, suspekt. Und nicht jeder junge Mensch ist ein potentieller Verbündeter. Dafür, das noch einmal so deutlich zu machen, muss man der Jungen Union einmal richtig dankbar sein. Ist man ja sonst so selten - es sei denn, es geht um die vielfach unterschätzte Funktion als abschreckendes Beispiel.

Eine herbe Enttäuschung für so manchen Sensationsgeilen lieferte die NASA: Die Welt geht schon wieder nicht unter. So ein Mist aber auch. Fakten sind eine nervige Sache: Sie können jede noch so schöne Sensations- und Verschwörungstheorie empfindlich ankratzen. Aber vielleicht ist ja auch die NASA nur Teil der Verschwörung. Schließlich wissen kundige Akte X-Zuschauer, dass sie geholfen haben, UFOs und Aliens zu verstecken. Und die Mondlandung war wahrscheinlich auch nur ein Fake. Vermutlich war man überhaupt noch nie im Weltraum und die Abkürzung steht für "Not A Space Agency". So besteht also noch Hoffnung - oder wie auch immer das im Falle von Vernichtungsfantasien heißt. Sollte die Welt doch untergehen, wird gulli:News auf jeden Fall live davon berichten. Wer solange eine erfreulichere Zukunft antesten will, kann das bei Star Trek Online tun. Das allerdings wird, wie diese Woche klar wurde, nur auf Windows-Rechnern laufen. Ich wittere eine Verschwörung.

Kampfbereit werden ab nächsten März Großbritanniens erste Cyberkrieger sein. Damit sind nicht die Teilnehmer der World Cyber Games gemeint (der amtliche Begriff für die lautet ja bekanntlich "böse Killerspielspieler und potentielle Amokläufer"), sondern eine Hacker-Armee, die das eigene Netz schützen und die Infrastruktur der Feinde angreifen soll. Nun ja, Armee ist übertrieben: Keine 20 Menschen werden ab März in dieser Einheit tätig sein. Ein ernstzunehmender eSport-Clan hat mit Managern, Ergänzungsspielern und allem fast gleich viel aufzubieten. Trotzdem ist die Idee einer Cyber-Armee interessant und wirft Fragen auf. Nein, nicht, wieso sich junge Menschen so verkaufen (für einen wahrscheinlich noch nicht einmal guten Preis). Oder nach welchen Kriterien ausgewählt wurde. Oder, ob nicht echte Hacker beim Anblick der staatlich anerkannten Scriptkiddies in NATO-Tarn gerade vor Lachen ihre Hackerbrause über Tastatur und Monitor verteilen. Die Beurteilung dieser Fragestellungen überlasse ich dem geneigten Leser selbst. Hier geht es mehr um harmlose, aber zugleich weit kreativer anmutende Fragen der Marke: Gibt es bei Hackern und Nerds den morgendliche Frühsport erst um 12 Uhr? Findet er auf dem Counter-Strike-Server statt? Redet der Drill Sergeant Netspeak? Müssen die "My 127.0.0.1 is my castle"- und "Obey me, I am root"-Shirts im Spind geometrisch angeordnet werden? Und: Gibt es eigentlich ein Emoticon für den vorschriftsmäßigen Gruß einem vorgesetzen Offizier gegenüber? Für sachdienliche Vorschläge zu all diesen Fragen ist das britische Verteidigungsministerium sicher dankbar. Vom Mitschicken eines Windows-Virus mit den Vorschlägen wird gebeten abzusehen - wir wollen ja die Elite der nationalen IT-Sicherheits-Szene, die dann heldenhaft zur Rettung eilen müsste, nicht gleich am ersten Tag überfordern. 

Überfordert ist wohl auch US-Präsident Barack Obama. Versprach er vor der Wahl noch "Change" und mehr Bürgerrechte, ist er nun vollauf damit beschäftigt, die menschenrechtswidrigen Umtriebe seines Amtsvorgängers George W. Bush abzusichern. Neuestes Beispiel: Fotos, die die Folter Gefangener durch US-Soldaten zeigen, sollen nicht veröffentlicht werden. Der Grund: Man befürchtet Racheakte gegen US-Truppen. Gut, dass man sich das vorher hätte überlegen sollen, ist wohl kaum Obama anzulasten. Aber trotzdem stimmt es bedenklich, wenn ein mit derartigen Ansprüchen angetretener Präsident Werte wie Informationsfreiheit, Transparenz und das öffentlich Machen von Verbrechen derart unter den Tisch fallen läßt. Da fragt man sich doch, worin der "Change" besteht. Vielleicht darin, dass der neue US-Präsident wenigstens lesen und schreiben kann. Nicht schlecht, aber leider nicht genug für so ein Amt. In Ethik und Jura jedenfalls muss Obama wohl nochmal nachsitzen. Aber wenn Politiker das jedesmal täten, wenn sie es nötig hätten, wären entsprechende Kurse bis zum Weltuntergang ausgebucht. Oder zumindest bis Diablo 3 herauskommt. Was auch immer eher geschieht. Bei Obama jedenfalls ist anscheinend so schnell keine freiheitsfreundlichere Politik in Sicht. Der schnellste "Change" fand wohl bei ihm selbst statt: Vom Reformer hin zu jemandem, der nichts besseres zu tun hat, als die Fehler der Vorgängerregierung zu vertuschen, zu wiederholen oder wenigstens schönzureden. Na, solange sich wenigstens irgendwo etwas ändert... 

Veränderungen wird es bestimmt auch in der nächsten Woche wieder geben. Wir werden sie für euch beobachten und am Ende wieder an dieser Stelle analysieren. Bis dahin macht es gut und erklärt nicht versehentlich irgendwem den Cyberkrieg. 

Annika Kremer am Montag, 16.11.2009 02:30 Uhr

tagsTags: blizzard cyberwar wochenrückblick obama verschwörung gulli glosse vorratsdatenspeicherung activision

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4 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • MystiqueMax am 16.11.2009 12:49:30

    Schöne Glosse, Vor allem die Wortakrobatik mit Vorratsdatenspeicherung fand ich toll ;) ...

  • Hannesjooo am 16.11.2009 09:50:48

    sehr gut hat mir gerade den morgen versüßt ....my 127.0.0.1 is my castle zu geil ...

  • am 16.11.2009 04:46:04

    Klasse wie immer :T ...

  • MonKei am 16.11.2009 03:06:19

    Gut geschrieben. "Obey, me, I am root" kannte ich noch garnicht. :| ...

  • Annika_Kremer am 16.11.2009 02:30:00

    Deckel Drauf! Die Gulli-Glosse (Woche 46/2009) Wieder einmal haben wir das Ende einer Woche erreicht. Wer sonst etwas erreicht hat, ob Epic Fail, Triumph oder Lacherfolg, das schauen wir im Wochenrückblick der gulli:News - wie immer böse, unzensiert und ebenso verrückt wie die Realität. [url=h ...

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