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Deckel drauf! Die Gulli-Glosse (Woche 45/2009)

Es ist Herbst, die Tage werden kürzer. Bei so manchem meldet sich die Novemberdepression. Umso besser, wenn man selbst den irrsten Geschehnissen noch eine positive Seite abgewinnen kann. Ganz in diesem Sinne: Der Wochenrückblick der gulli:News.

 Die Woche begann mit den Plänen der Regierung, dass Verdächtige künftig gegenüber der Polizei zur Aussage verpflichtet sein sollen, und der Antwort der Piratenpartei darauf. Diese Strategie wird schon seit Jahrzehnten von erfolgreichen Tatort-Ermittlern empfohlen. Allerdings auch nur von diesen, denn mit der Realität hatten die dortigen Verhörszenen meist in etwa soviel zu tun wie "Richterin Barbara Salesch" mit einer Gerichtsverhandlung wegen (hier bitte persönliches Lieblings-Delikt einsetzen). Dieser Zustand, so fand unsere Regierung offenbar, kann nicht angehen. So eine Diskrepanz zwischen Realität und Fiktion überfordert offenbar unsere Volksvertreter, die, wie jeder Zocker weiß, schon mit der Differenzierung zwischen Counter-Strike und Amoklauf so ihre liebe Not haben. Man beschloss, tätig zu werden, und kurzerhand etwas zu ändern - an der Realität, versteht sich. Nicht am Tatort. Das wäre ja noch in Ordnung, wenn wie am Sonntag abend alle Polizisten integer wären (oder die integren zumindest immer gewinnen) und am Ende immer die tatsächlich Schuldigen gefasst würden. Aber diese Vorstellung hat mit der Realität in etwa soviel zu tun - na, ihr wisst schon. Leider scheinen das die Politiker nicht zu wissen. Aber klar, wer Zocker automatisch für gewalttätig hält oder glaubt, wer in World of Warcraft säuft, tut das auch im Real Life, der schließt auch von Schenk und Ballauf auf die komplette deutsche Polizei. Man darf gespannt sein, was aus dieser Richtung als nächstes kommt. Eine Behandlung durch die gutaussehenden Mediziner von Emergency Room dürfte sich zumindest bei der weiblichen Hälfte der Bevölkerung noch einer gewissen Beliebtheit erfreuen. Aber wollen wir wirklich solche Zustände auf der Autobahn wie bei Cobra 11 oder nur noch so zickige Frauen wie die Desperate Housewives in unserem Bekanntenkreis, samt Dauer-Beziehungsstress und Schuhtick? Da habe ich doch meine Zweifel. 

Ebenfalls leicht schräg klingt auch die Tatsache, dass der Verfassungsschutz in knapp 30 Jahren 40 Abgeordnete abhörte. Nun mögen zwar viele Menschen in diesem Land den Eindruck haben, man muss die Verfassung vor den Politikern schützen. Aber die einzige Verfassung, die der Verfassungsschutz schützt, ist erfahrungsgemäß die mentale Verfassung gewisser Politiker mit Kontrollzwang. Vor diesem Hintergrund sollte man auch die verstärkte Datensammel-Aktivität im Bundestag betrachten. 

Mit den Betriebssystemen ist es auch so eine Sache. Auch hier weichen Theorie und Praxis, Wunsch und Wirklichkeit oft erheblich voneinander ab. So zum Beispiel bei Linux. Man läßt sich trotz des eigentlich durchaus vorhandenen Sicherheitsbewusstseins rooten, auch die Usability läßt mitunter noch zu wünschen übrig. So zum Beispiel beim neuesten Ubuntu-Haustier, dem Koala. Dieser bockt, zickt oder wie das sonst bei Koalas heißt. Die Kinderkrankheiten eines neuen Tierbabys kurz nach dem Release, sozusagen. Das neueste Ubuntu jedenfalls sollte irgendwas mit Murmeltier heißen. Das passt zwar nicht so schön ins Alphabet, aber zahlreiche Benutzer erleben, je nach Chipset, bei neuen Releases oft einen Murmeltiertag. Die angesprochenen Device Mapper-Probleme jedenfalls konnten vor dem Koala auch schon der Gibbon und der Reiher ziemlich gut. Bevor sich nun aber die Windows-Nutzer ins Fäustchen lachen, seien sie dran erinnert, dass ihre Sicherheitsfeatures wohl primär deswegen keine Probleme verursachen, weil sie sowieso in etwa die geballte Gefährlichkeit von Paris Hiltons Chihuahua nach Konsum einer ganzen Hacker-Treffen-Portion Cannabis Sativa erreichen. Das zumindest sagen Sicherheitsexperten über die User Access Control von Windows 7. Und um Benutzer endgültig in die Realität zurückzuholen, hat auch das OS aus Redmond seinen ganz eigenen Murmeltiertag: den monatlichen Patchday. Denn der kommt bekanntlich bestimmt. Und Apple? Hält sich vornehm zurück, während seine Smartphones kurzerhand als Datensenke zweckentfremdet werden

Realität und Fiktion, ein unerschöpfliches Thema. Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet die Behörden eines, nun, nicht ganz demokratischen Staates etwas gegen ungehemmten Eskapismus haben? Oder geht es doch mal wieder nur um Kompetenzgerangel? Der Verdacht drängt sich auf, betrachtet man die Geschehnisse in China, wo die Behörden (schon wieder) World of Warcraft sperrten. Harte Zeiten für chinesische WoW-Suchtis. Ob sie die Gelegenheit nutzen, sonst eher vernachlässigte Skills wie "soziale Kontakte", "Ausbildung" und "Sonnenbräune" zu leveln? Irgendwie mag man es nicht so ganz glauben. Hoffentlich haben sie nicht auch ein Problem mit der Unterscheidung von Realität und Fiktion. Eine Bewerbung mit der Berufsbezeichnung "Level 80 Paladin" könnte beim Personaler eher unerwünschte Reaktionen erzeugen, und somit könnten die Zocker schnell zum Schluss kommen, dass die Gegner im RL ziemlich imba sind. Aber wenigstens ist die Grafik geil. Und wer noch mehr Schnittstellen zwischen WoW und der Realität sucht, der kann zukünftig reales Geld für virtuelle Haustiere ausgeben. Wenn das nichts ist.  

Ihrem Spitznamen alle Ehre machte nach Ansicht von Kritikern wieder einmal Ursula "Zensursula" von der Leyen. Diese setzte kurzerhand das neue Rammstein-Album wegen der Darstellung bedenklicher Sexualpraktiken auf den Index. Nun muss nicht jeder Rammstein mögen und auch Kommentare wie "wenn ich Pornos schauen will, brauche ich kein Rammstein-Video dafür" waren häufiger im Netz zu lesen. Aber gleich indizieren? Das halten viele für eine Überreaktion. So geht das eben, wenn man Realität und Fiktion vermischt. Erinnert mich an das Mädel im Forum meiner Lieblings-Band, das (vier Jahre nach Erscheinen des Albums) endlich geschafft hatte, die englischen Texte zu decodieren und daraufhin ob eines Songs mit ziemlich düsteren Lyrics panisch die Befürchtung hegte, der Songwriter wolle sich umbringen. Manche Leute wachsen aus dieser Phase heraus. Andere werden in den Bundestag gewählt. 

Ich hoffe, die gulli-Leser haben in dieser Hinsicht keine Probleme (mit der Realitätswahrnehmung, was den Bundestag angeht, sitzen wir eh alle im selben Boot). Ansonsten könnt ihr wie immer vertrauensvoll im gulli eures Vertrauens nachschauen - hier werden Sie geholfen, nicht nur bei Problemen mit dem Betriebssystem. Eine gute Woche ohne OS-Abstürze!

Annika Kremer am Sonntag, 08.11.2009 22:48 Uhr

tagsTags: wochenrückblick polizei rammstein world of warcraft linux gulli glosse windows

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4 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • Kamikaze_Urmel am 09.11.2009 08:47:40

    Manche Leute wachsen aus dieser Phase heraus. Andere werden in den Bundestag gewählt. Ich lieg hier unterm Tisch...einfach nur geil die Aussage:D Die Glosse ist wie immer schön geschrieben, und wie immer für einige Lacher am Morgen gut:D:T ...

  • Sempralon am 09.11.2009 04:11:18

    Tja ... des mit der Polizei ... evtl denken die Damen und Herren Politiker, das die Aufklärungsrate steigt, wenn man gleich einen Zeugen als Schuldigen verheizen kann ? Ja klar ... aber der Wahre Täter bekommt dann Komplexe, da seine "Arbeit" keine Anerkennung findet, da stets gleich ein Schuldige ...

  • KFC am 09.11.2009 00:04:45

    Betreffend Zensursula: So geht das eben, wenn man Realität und Fiktion vermischt. Erinnert mich an das Mädel im Forum meiner Lieblings-Band, das (vier Jahre nach Erscheinen des Albums) endlich geschafft hatte, die englischen Texte zu decodieren und daraufhin ob eines Songs mit ziemlich dü ...

  • DanteConstantin am 08.11.2009 23:47:49

    ich denke mit der meinung stehst du allein da. Ich finde sie besser als ein paa der letzten. JEdoch ist das Niveau bisher im insgesamten immer vorbildlich. ...

  • Annika_Kremer am 08.11.2009 22:48:23

    Deckel drauf! Die Gulli-Glosse (Woche 45/2009) Es ist Herbst, die Tage werden kürzer. Bei so manchem meldet sich die Novemberdepression. Umso besser, wenn man selbst den irrsten Geschehnissen noch eine positive Seite abgewinnen kann. Ganz in diesem Sinne: Der Wochenrückblick der gulli:News. [ur ...

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