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Deckel Drauf: Die Gulli Glosse (Woche 41/2009)

Die Tage werden kürzer, doch der gulli:news-Wochenrückblick kommt wie immer ungekürzt und unzensiert zu euch.

Viele neue Erkenntnisse hat uns die letzte Woche gebracht, aber auch viele verwirrende Momente. Die neue Regierung konnte sich noch immer auf nichts einigen, spuckt dafür aber schon eine Menge große Töne. Noch besser haben es aber Politiker in den USA, denn da kann man für's Hoffen offensichtlich den Friedensnobelpreis bekommen. Wenn das so ist - ich hoffe, dass wir den Warp-Antrieb erfinden und das Weltall besiedeln. Dafür hätte ich jetzt bitte gerne den Nobelpreis in Physik. Leider befürchte ich, dass so etwas bei deutschen News-Redakteurinnen nicht klappt...

Talk about News. Auch diese gaben in der letzten Woche so einiges her, das uns noch eine Weile beschäftigen wird - und sei es für das adäquate Training unserer Lachmuskeln. Kein Witz, sondern durchaus ernst gemeint ist der Aufruf der deutschen Bundespolizei: Bundespolizei: Bitte kein konspiratives Spielverhalten! Damit ist weniger der Schurke beim Pen-and-Paper-Abend oder der gezielte Bluff beim Pokern gemeint, sondern Sportarten wie insbesondere Geocaching. Durch die Killerspiel-Debatte geübte Leser werden jetzt wahrscheinlich vermuten, dass "konspirative Spiele" die Spieler kurzerhand zu Spionen oder Bombenlegern machen. Das aber ist nicht der Hintergrund der ausgesprochenen Warnung - dabei geht es vielmehr um die "derzeit erhöhte Bedrohungslage". Ihr wisst schon, das ist das Ding, weswegen wir keine Flüssigkeiten in Flugzeuge mitnehmen dürfen, unsere Bürgerrechte nach und nach abgeben müssen und bei einer am Bahnhof vergessenen Laptop-Tasche nicht mehr die arme Sau bedauern, die nun das Meeting ohne ihr Thinkpad durchstehen muss, sondern das SEK rufen, das besagtes Thinkpad dann kurzerhand entschärft. Hätte ja auch eine Bombe sein können. Man muss schließlich immer mit dem Schlimmsten rechnen - und aus genau diesem Grund dürfen Geocacher jetzt nicht mehr an Bahnhöfen spielen. Könnten ja auch Bomben sein, was die da anbringen - so ganz konspirativ. Ich bin dafür, analog zu Killerspielen hier den Begriff "Terroristenspiele" einzuführen, damit endlich mal klar wird, dass derart verantwortungsloses Verhalten sozial geächtet gehört. Oder so ähnlich. Die genaue Ausformulierung überlasse ich vertrauensvoll den Damen und Herren der CDU, die können spaßfeindliche Kampfrhetorik und Panikmache bekanntlich weit besser.

Sollen die Leute doch was anderes spielen. Beispielsweise das neueste Game der Firma Internet Eyes. Dieses zielt darauf ab, dass Menschen ihre Mitmenschen bespitzeln, indem sie Überwachungskameras per Internet beobachten. Wenn man dabei einen bösen Buben (zum Beispiel einen von diesen verantwortungslosen Geocachern mitsamt konspirativer Plastikbox) findet, soll man sogar eine finanzielle Belohnung erhalten. Was für eine Idee. Hier wird der Beweis angetreten, dass man aus jeder guten Idee auch eine freiheitsfeindliche Sauerei machen kann, wenn man sich nur genug Mühe gibt. Distributed Computing, Distributed Galaxy Analysis, Distributed Proofreading - das alles gibt es schon seit langem, und es ist eine wirklich gute, menschenfreundliche Idee. Aber in einer Hinsicht kann man den Briten vertrauen: Sie machen aus allem eine Bespitzelungs-Technologie. Ich schlage den Namen "Distributed Privacy Invasion" vor. Aber das klingt den Erfindern wahrscheinlich zu negativ. Sie finden sicher einen viel hübscheren Namen dafür - womöglich auf Latein, da klingt ja bekanntlich alles besser. Selbst "freiheitsfeindlicher dämlicher Schrott".

Mit ihrem Latein am Ende scheinen dagegen die Anti-Piraterie-Ermittler der niederländischen BREIN zu sein. Diese wollten offenbar der Crew von The Pirate Bay dringend etwas anhängen, hatten aber so wenig vorliegen, dass sie womöglich Beweise fälschten. Da wird doch so richtig klar, wer auf Seiten von Recht und Gesetz steht und wer die Verbrecher sind, oder?

Besser ist dagegen die Beweislage gegen "NASA-Hacker" Gary McKinnon. Das allerdings ist in diesem Fall auch nicht der strittige Punkt, McKinnon hat seine Einbrüche in mehrere US-Rechnernetze sogar zugegeben. Sehr kontrovers dagegen sind die Pläne seines Heimatlandes England, McKinnon an die USA auszuliefern - obwohl er krank ist, nämlich unter dem Asperger-Syndrom leidet. Ein Ortswechsel auf einen fremden Kontinent und die gastfreundliche Behandlung, die man von der amerikanischen Polizei und Justiz erwarten kann, sind bei diesem Krankeitsbild wahrscheinlich nicht ganz das, was der Arzt verordnet hat. Aber wer hört schon auf Ärzte? Die britische Justiz sicher nicht, denn die hat jüngst wieder einen Einspruch McKinnons gegen seine Auslieferung abgelehnt. Und wo die Meinung von Ärzten schon nicht zählt, tut die von IT-Fachleuten das bestimmt nicht. Die wagen nämlich anzumerken, dass es eventuell etwas verfehlt sein könnte, angesichts eines wirtschaftlich orientierten, profitablen, umfangreichen Cybercrime-Marktes samt Werbeschaffenden und Business-Fachleuten, wo jedes Botnet einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterzogen wird, etwas verfehlt sein könnte, ein Exempel an einem kranken Hochbegabten zu statuieren, der bekifft bei der NASA nach UFOs gesucht hat. Also wirklich. Da könnte ja jeder kommen - verdammte Hippies!

Was für ein toller Rechtsstaat das Land ist, das demnächst wahrscheinlich McKinnon den Prozess machen wird, zeigt diese Meldung: In den USA arbeitet man fleißig auf eine Verlängerung des Patriot Act hin. Wo käme man auch dahin, wenn man Überwachungsbefugnisse einfach wieder aufgeben würde? Unter den umstrittenen Maßnahmen ist auch eine, die laut Ermittlerangaben noch nie eingesetzt wurde, bei der man aber weiterhin "die Möglichkeit haben will, das zu tun". Öhm, ja. So, liebe Leser, werden im 21. Jahrhundert Gesetze gemacht. "Wir wissen zwar nicht, wofür wir das brauchen... aber wir behalten es trotzdem. Staatliche Befugnisse sind eh immer gut. Ihr wisst schon, die erhöhte Bedrohungslage." Diese Begründung zählt offenbar immer. Man sollte mal untersuchen, ob es sich womöglich um einen geheimen Cheat-Code westlicher Gesellschaften handelt. Oder aber die Antwort auf die Frage nach dem Leben, dem Universum und allem lautet doch nicht 42, sondern "erhöhte Bedrohungslage". Das würde zumindest erklären, wie ein so gefährliches Machwerk wie der Patriot Act überhaupt existieren kann. Im Rahmen der Diskussionen gab es übrigens noch ein Zitat, das so schön ist, dass es an dieser Stelle nicht fehlen kann. In der Diskussion um die Abfrage von Bücherei-Daten beschloss man, diese auf Fälle zu beschränken, in denen nachweislich wegen Terrorismus oder Spionage ermittelt wird. Daraufhin sagte ein republikanischer Senator, man müsse verhindern, dass "Terroristen in amerikanischen Bibliotheken einen sicheren Hafen finden". Also wirklich. Überall sind diese verdammten Bombenbauer jetzt schon. Nun also in der Bibliothek. Lesen ist offenbar sehr gefährlich. Wir überlegen an dieser Stelle, was man überhaupt noch tun darf. Geocaching ist zu konspirativ, Computerspiele machen aggressiv oder süchtig... vom Lesen wird man offenbar zum Terroristen... Musik hören geht ohnehin nicht, man weiß ja nie so genau, ob die Musik auch legal erworben und nicht raubmordkopiert wurde. Überhaupt, das Internet ist ja so gefährlich und suspekt, dass man jetzt sogar einen Notruf-Button dafür braucht. Was also tun in der Freizeit? Ach ja, genau, englische Kameras anschauen. Wisst ihr bescheid. Ich hoffe, ihr fangt bis nächste Woche wenigstens ein paar Geocacher oder Leute mit terroristischen Büchern. (Annika Kremer)

News Redaktion am Montag, 12.10.2009 01:48 Uhr

tagsTags: patriot act kommentar nasa-hacker wochenrückblick fdp cdu csu obama gulli glosse terrorismus überwachung bedrohung

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7 Reaktionen zu dieser Nachricht
  • CCS am 12.10.2009 18:51:08

    Sehr Goil! :T :T Schöne Glosse für Zwischendurch! :D Cee ya, CCS ...

  • sad_max am 12.10.2009 17:40:10

    Literaturnobelpreis für Annika Kannst du nicht lesen? Sie will den Physiknobelpreis! Schöne Glosse. ...

  • MystiqueMax am 12.10.2009 16:00:42

    Das mit dem Hoffen ist klasse, aber vielleicht ist Hoffnung das Beste worauf man hoffen kann in einer Welt in der jeder Hoffnungsschimmer hoffnungslos verloren scheint... Wieder ne super geile Glosse...:T ...

  • RoqueNE am 12.10.2009 14:42:49

    Fantastisch geschrieben :T Das erste was ich heut im Netz lese und es verpasst mir ein Grinsen für den Rest des Tagen. :D Herrlich bissig und Ironisch. So muss ne Glosse sein :) ...

  • Sempralon am 12.10.2009 07:40:21

    Annika ... Bildung war schon immer gefährlich! Das ist war bei den Chinesen so ... am Tian'anmen Platz versammelten sich ein Paar gebildete und bildeten sich tatsächlich ein etwas mit ihrer Bildung ändern zu können! Wie sagte doch ein hochverehrter schwarzer Politiker? "Von C ...

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