gulli: Pro und Contra copyright

Zwei Standpunkte zum neuen Urheberrecht

PRO:

Christian ist Mitbetreiber des Schallparks.

Schallpark ist seit 1999 in dem Bereich der Musikproduktion, Promotion, Tonstudio und Musikverlag tätig. Näheres auf www.schallpark.de

Vorab einige Kommentare zu gängigen "Vorurteilen", nachzulesen in schöner Regelmäßigkeit in vielen Internetforen:

1) Warum kaufen, die Musiker sind doch sowieso reich
Ganz gewiss nicht. Ausnahmen wie Madonna und Michael Jackson sind ebensolche. Die wenigsten Musiker schaffen es von dem eingespielten Geld ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, nicht ausschliesslich nur weil sie schlecht sind, ihnen fehlt die Bereitschaft der Labels, in ihre Kreativität zu investieren. Den Labels fehlt dazu in der Zwischenzeit das Geld. So sind Lizenzvorschüsse, die noch im Jahr 2001 bei 2500 Euro für eine Maxi- Produktion lagen, heute bei bestenfalls 500 Euro angekommen. GEMA und GVL- Zahlungen erhalten übrigens zu großen Teilen wieder die Künstler, die es nicht mehr nötig hätten: Bohlen & Co.

2) Die Musikindustrie ist doch hemmungslos geldgierig
Erstmal gibt es keine Musikindustrie an sich, sondern in Deutschland die fünf großen Majors, einige "Indies" und ganz ganz viele kleine Labels. Jede dieser Firmen verfolgt eine andere Geschäftspolitik und will letztlich mit dem Angebot "Musik" natürlich auch Geld verdienen, was weder verwerflich noch verboten ist. Das in dem Zusammenhang gebrauchte Wort "Industrie" ist bereits falsch, unterstellt es doch absichtlich oder unabsichtlich eine massenhafte Produktion eines immer gleichen Produktes.

Zum Geld: Auch wenn es oft gepredigt wird stimmt es immer noch, ist vielleicht in den letzten Jahren noch extremer geworden: Ein Künstleraufbau kostet eine große Stange Geld da viel teure Werbung geschaltet werden muss - leider leider kauft Susi Sorglos ihre CD im Mediamarkt vom größten Stapel.

Kleines Beispiel: eine bundesweite sogenannte Bauzaunplakatierung für ein Album kostet das Label circa Euro 125.000 und eine Kooperation mit RTL 2 (z.B. Stargate-Trailer mit Musik unterlegt und Textplatzierung Musik: Jan Wayne - Move ya etwa Euro 30.000. Ein sendefähiges Musikvideo liegt bei etwa Euro 40.000.

Wenn man nur diese drei Kostennoten (ohne Produktionskosten, Künstlerlizenzen, Herstellungskosten, Vertriebsabzüge, Handelsspanne) zusammenfügt liegt man bei Euro 195.000 d.h. den Break-Even erreicht man als Label mit 35.000 verkauften Album-CDs und diese Hürde wird heutzutage nur noch von den bereits etablierten Altkünstlern mit "alter" Zielgruppe und echter Fanbase (Madonna, Grönemeyer etc.) erreicht. Da das Risiko zu hoch ist, werden neue Bands nicht mehr supportet und Altes nur aufgewärmt (siehe z.B. Nena). Warner Music hat in 2002 zwölf neue Bands eingekauft und in 2003 zehn Verträge aus wirtschaftlichen Gründen wieder aufgelöst. Keine Verkäufe, keine neuen Etats.

3) Download schadet nicht da sowieso nicht gekauft wird
Die Realität sieht leider anders aus. Es konnte langfristig beobachtet werden dass kurz nachdem Musiktitel auf z.B. Viva beworben wurde, die Downloadzahl dieser Titel sprunghaft anstieg. Wer jetzt behauptet dass er den Titel, falls er ihn für gut befindet, trotzdem kauft, der lügt oder ist die absolute Ausnahme. Zitat aus dem Gästebuch einer unserer Künstlerinnen: "Hallo XYZ, fand Deine Single super, wo kann ich die downloaden?" Letztendlich ist es menschlich, wofür etwas bezahlen wenn man es auch um die Ecke umsonst bekommt?

Das die muntere Downloaderei Opfer fordert und Vielfalt zerstört kann man ganz einfach belegen: die Musiksparte von Bertelsmann (BMG Music) hatte im Jahre 2000 vier unabhängig und untereinander konkurrierende Zellen (BMG München, BMG Köln Musik, BMG RCA Hamburg und BMG Berlin Musik). In 2003 wurden bisher (und das ist noch nicht das Ende) 50% der Arbeitsplätze gestrichen, Standorte Köln und Hamburg geschlossen. Bei der BMG Berlin arbeiten jetzt noch 15 Personen. Bei Universal, Warner, EMI und Zomba sieht es genauso aus. Die hauseigenen Presswerke wurden ebenfalls geschlossen und ins Ausland verlegt.

4) Downloads fördern unbekannte Künstler und machen diese bekannt
Das wäre schön, leider sucht die Masse nur nach bekannten, d.h. mit einem gewissen Aufwand und d.h. auch mit Geld beworbenen Stücken und Künstlern. Um diesen Prozess anzuschieben bräuchte ein Label Geld für eben diese Werbung, das es durch die fehlenden Verkäufe nicht hat. Und da ist er der klassische Teufelskreis.

5) Die Musik, die heute produziert wird, ist doch eh sch****e
Vielleicht. De gustibus non est disputandum. Auch wenn wir selber keine Fans davon sind, einfach gestrickte und trotzdem erfolgreiche Titel hat es immer gegeben und wird es auch weiterhin geben, das bedeutet in keinster Art und Weise das "gute" oder zuminderst andersartige Musik nicht mehr produziert würde. Niemand muss diese "schlechte" Musik kaufen und niemand ist gezwungen sie zu hören! Und selbst wenn es wirklich nur noch Musik gäbe die keinem gefällt - der Glaube dies berechtige irgendwie zum illegalen Kopieren ist ein Phänomen und irrig.

6) Das Radio spielt doch nur das gleiche, warum soll ich das kaufen?
Wie bereits vorher gesagt: Kaufen muss niemand. Was nicht gefällt einfach stehenlassen. Nur klauen scheidet aus. Übrigens sind es die Radiostationen die ihre Programmauswahl zum Missfallen der meisten Labels und Musiker in den letzten Jahren geändert haben ("wir machen keine Hits, wir spielen sie"). Ein neuer, unbekannter Musiker ohne riesigen finanziellen Background hat heute keine reelle Chance im Radio gespielt zu werden, egal wie gut sein Song ist.

7) Die schlechten Verkaufszahlen sind nur das Ergebnis der schlechten Wirtschaftslage
- Die Kids kaufen heute Handys und keine CDs Zum Teil vielleicht. Jedoch ist der Einbruch der letzten Jahre so überaus deutlich das dies niemals eine ernsthafte Begründung sein kann. In Sachen Handy ist es klar: Ein Handy muss gekauft und aufgeladen werden, das geht nur gegen Kohle. Musik gibts ja "umsonst" bei Kazaa. Wenige wissen dass mittlerweile mehr Umsatz mit Klingeltönen als mit Maxi-CDs gemacht werden – das sollte zu denken geben. Vom gekauften Klingelton bekommt der Künstler/Produzent/Label bisher nichts.

8) Die sind selber schuld an den schlechten Verläufen durch diesen Kopierschutz
Wir und viele andere finden einen Kopierschutz auf CDs auch überhaupt nicht gut, unsere CDs sind bisher komplett "ohne". Es kann nicht richtig sein das eine gekaufte CD nicht z.B. im Auto hörbar ist. Andererseits ist der Kopierschutz unseres Erachtens nur die, wenn auch mißlungene, Antwort auf das massenhafte illegale kopieren. Nicht vergessen: Vor der Möglichkeit CDs in wenigen Minuten zu minimalen Kosten zu vervielfältigen existierten keine kopiergeschützten CDs.

9) Bei kleinen Labels und Künstlern, die sich selber vermarkten, kauf ich
Nach unseren Beobachtungen interessiert das Label geschweige denn seine Größe absolut niemand. Die wirtschaftlichen Verhältnisse des Labels und/oder der Künstler sind letztendlich für den Musikfreund nicht in Erfahrung zu bringen - warum auch. So wird alles, was irgendwie umsonst zu bekommen ist, gnadenlos querbeet geladen und kopiert. Ein 100%iges Scheinargument.

10) CDs sind zu teuer
Ja! Dies ist jedoch nicht unsere Entscheidung. Zwischenhändler und Händler schlagen auf den hohen Preis oftmals nochmal viel auf, dies kann kein Label verhindern. Zudem hängt die Preispolitik auch von der Vorgabe durch Media Control ab. Eine Maxi-CD die z.B. für Euro 2,99 im Handel steht ist nicht chartfähig d.h. würde die neue Madonna Single 1.000.000 Einheiten zum Preis von 2,99 verkaufen, würde diese nicht in den Top 100 Charts auftauchen. Und last but not least: Vielen Dank auch an dieser Stelle dem Teuro!

11) Früher wurde auch von Platte auf Kassette kopiert
Das stimmt zweifelsfrei. Jedoch ist es ein Unterschied ob ich stundenlang Platten auflegen, saubermache, einpegele, das Band korrekt spule, das Tape starte und die ganze Zeit während der Aufnahme davor sitze - oder ob ich innerhalb von 5 Minuten eine exakte 1:1 Kopie einer ganzen CD für 30 Cent erstellen kann.

12) Musik hat ihren Reiz verloren
Wer das sagt dem ist wirklich nicht mehr zu helfen - der tut uns leid.

Unser Fazit: Das jetzt vorliegende neue Urheberrecht war lange überfällig. Wie bei fast jeder Gelegenheit in diesem unseren Land wurde wertvolle Zeit durch ewiges lamentieren vergeudet. Spätestens im Jahr 2000 zu besten Napster- Zeiten hätte die Entwicklung und der finanzielle Kollaps vieler Labels durch ein Einschreiten der Politik verhindert werden müssen. Drei Jahre später ist der Aufschrei groß, viele kreative Labels und Musiker sind bereits diesem "Musik ist total umsonst" - Irrsinn zum Opfer gefallen. Musik ohne Geld kann auf Dauer einfach nicht funktionieren, so schön der Gedanke für den ein oder anderen auch sein mag. Junge Talente brauchen Zeit und damit Geld, um sich zu entwickeln oder manchmal auch um zu scheitern, das weiss vorher niemand. Ohne diese Prozesse wird die Welt in schnell gestrickten Marketing- Ideen a la Kübelböck ersticken und im Radio 24 Stunden nur Madonna laufen.

CONTRA:

Axel ist Editor und Fachjournalist auf gulli.com. Er ist Hobbymusiker und war Mitbetreiber eines kleinen Tonstudios in Wuppertal.

Wer ein Produkt allein durch Marketing verkaufen möchte und dabei die Qualität des Produkts mit Absicht verringert, darf sich eigentlich nicht wundern, wenn das Produkt dadurch auch zunehmend an Wert verliert. Wer gleichzeitig die Preise für das minderwertigere Produkt erhöht, wird sich wohl im Allgemeinen als ökonomischer Vollidiot bezeichnen lassen müssen. Diesen Titel hat sich meiner Meinung nach die Musikindustrie verdient.

Die 80er Jahre waren ein Schlaraffenland für die Branche. Mit dem Auftauchen der CD als neuer Standardträger für Audiodaten hatte sich eine Goldader aufgetan, an der schwer verdient worden ist. Nicht nur neue Musik konnte preiswerter produziert und vertrieben werden. Viele Musikliebhaber kauften sich damals die ohnehin schon auf Vinyl gekaufte Musik ein zweites Mal. Hier wurde mit minimalem Aufwand maximales Geld gemacht. Der Fall der Mauer brachte dann einen erneuten Geldsegen, ohne dass dafür ein Stück gute Musik produziert werden musste. Die Ossis kauften dankbar Millionen von CDs mit alten Stücken.

In der Zeit nach diesem Ansturm scheint man vor der Wahl gestanden zu haben, entweder mit Produktion und Vertrieb guter Musik zu beginnen, oder aber einen Weg zu finden, weiterhin mit geringster Eigenleistung viel Geld zu machen. Man entschied sich augenscheinlich für den zweiten Weg und fortan übernahmen die Marketingabteilungen der Labels die Herrschaft in den Chefetagen. Es galt nämlich eine neue Zielgruppe als primäre Käufer des Produkts Musik ansprechen zu müssen - die Gelegenheitshörer, Menschen die Musik bevorzugt nebenbei konsumieren, die Mehrheit der Menschen also. Es begann die Zeit der schnellproduzierten, Schnelldreher mit künstlich hochgepushten Retorten-Stars, deren Halbwertzeit meist nicht über zwei Monaten lag. Ziel war es, Menschen, die in der Regel gar keine oder nur sehr wenige CDs kaufen, durch geschickte Werbung zu Käufern zu machen. Das funktionierte auch lange Zeit sehr gut und würde vielleicht auch weiterhin funktionieren, hätte man nicht verschlafen, dass zu der CD ein weiterer digitaler Datenträger gekommen ist - das Internet. Die halbherzigen und stümperhaften Versuche der Musikindustrie dort mit eigenen Portalen nachzuziehen scheiterten schon im Ansatz.

Kopien von Musik hat es immer schon gegeben und das war ja auch eine Art der Werbung: Wenn ich mir von einem Bekannten eine Audiokasette des Interpreten "XY" gezogen habe und sie mir gut gefallen hat, habe ich mir öfters auch eine der folgenden Platten selber gekauft. Von Diebstahl hat seinerzeit niemand gesprochen.

Nun ist es aber nicht mehr gut für die Musikindustrie, wenn potentielle Käufer Musik vor dem Kauf hören können, weil sie dadurch meist zu sicheren Nichtkäufern werden. Hinzu kommt, dass die primäre Zielgruppe eben keine Musikliebhaber mehr sind, sondern Menschen, die der Musik keinen sehr großen Stellenwert beimessen. Eigentlich logisch, dass sie aus diesem Grund auch nicht sehr viel Geld für Musik ausgeben möchten und eigentlich auch logisch, dass sie Angeboten gegenüber aufgeschlossen sind, die ihnen das Ganze auch noch kostenlos bieten.

Das Feindbild war gefunden. Nach Jahren fetter Gewinne und gigantischer Umsätze war nun plötzlich davon die Rede, dass die Existenz einer ganzen Branche gefährdet sei. Der Grund dafür liege in einer verbrecherischen Technik und dem Umstand, dass ein Großteil der Bevölkerung aus Dieben bestehe. Anderslautende Forschungsergebnisse, wie etwa dem des Marktforschungs-instituts Forrester Research (http://www.heise.de/newsticker/data/jk-14.08.02-005/) änderten nichts an dem Gejammer und den Forderungen an Wirtschaft und Politik.

Mit dem neuen Urheberrecht hat die Musikindustrie erreicht, dass eben die Käufer, die durch Massenware und enormen Marketingbudgets erst zu Käufern wurde, in Zukunft aus Kriminellen besteht (sofern sie nicht die selbstgebrannten CDs vernichten). Über bewährte und einheitliche Standards (CD-A) wird man sich zukünftig hinwegsetzen können. Gute Musik wird der Musikliebhaber weiterhin suchen müssen, denn die wird zum Einen nicht beworben und zum Anderen oft gar nicht erst produziert werden, weil sie nicht massenkompatibel ist.

Der Gedanke, dass es ein Fehler war, Musik auf eine reine Ware zu beschränken, ist der Musikindustrie - zumindest den Großen dieser Branche - immer noch nicht gekommen. Ich glaube deshalb, dass dieses neue Urheberrecht nicht zu einer Umsatzsteigerung führen wird. Im besten Fall werden die Kopierer und Tauschbörsensauger ihre Tätigkeiten einstellen. Kaufen werden sie aber nicht.

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