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Urheberrecht

Wenn Welten aufeinander prallen. Zwei völlig verschiedene Meinungen zum neuen Urheberrecht bieten Anreiz zur Diskussion.

Das Urheberrecht bot immer schon Anlass und Möglichkeiten zu zahlreichen Diskussionen. Das Thema ist wichtig und von daher Grund genug mit Denkanstößen und Gedanken am Laufenden gehalten zu werden. Wir versuchen die unterschiedlichen Standpunkte neutral zu beleuchten und meiden auch nicht die klassischen Klischees.

Ein mögliches Statement für das neue Urheberrecht

(im Rahmen eines Frage/Antwort Schemas)
Beantwortung gängiger "Vorurteilen", nachzulesen in schöner Regelmäßigkeit in vielen Internetforen und die mögliche Antwort darauf:

  1. Warum kaufen, die Musiker sind doch sowieso reich
    Naja, nicht alle werden Superstars. Ausnahmen wie Madonna und U2 sind eben solche. Die wenigsten Musiker schaffen es von dem eingespielten Geld ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, nicht ausschließlich nur weil sie schlecht sind, ihnen fehlt auch oft die Bereitschaft der Labels, in ihre Kreativität zu investieren. Laut Labels fehlt dazu in der Zwischenzeit das Geld.
  2. Die Musikindustrie ist doch hemmungslos geldgierig

    Es gibt keine Musikindustrie an sich, sondern in Deutschland die fünf großen Majors, einige "Indies" und sehr viele kleine Labels. Jede dieser Firmen verfolgt eine andere Geschäftspolitik und will letztlich mit dem Angebot "Musik" natürlich auch Geld verdienen. Das ist weder verwerflich noch verboten.

    Zum Geld: Auch wenn es oft gepredigt wird stimmt es immer noch und ist vielleicht in den letzten Jahren noch extremer geworden: Ein Künstleraufbau kostet eine große Stange Geld da viel teure Werbung geschaltet werden muss - leider kauft Max Mustermann ihre CD im Kaufhaus vom größten Stapel. Werbung, Produktionskosten, Künstlerlizenzen, Herstellungskosten, Vertriebsabzüge, Handelsspanne = als das muss finanziert werden.

  3. Download schadet nicht da sowieso nicht gekauft wird

    Die Realität sieht leider anders aus. Es konnte langfristig beobachtet werden dass kurz nachdem Musiktitel auf z.B. Viva beworben wurde, die Downloadzahl dieser Titel sprunghaft anstieg. Wer jetzt behauptet dass er den Titel, falls er ihn für gut befindet, trotzdem kauft, der lügt oder ist die absolute Ausnahme.

    Das die muntere "Downloaderei" Opfer fordert und Vielfalt zerstört kann man ganz einfach belegen: die Musiksparte von Bertelsmann (BMG Music) hatte im Jahre 2000 vier unabhängig und untereinander konkurrierende Zellen (BMG München, BMG Köln Musik, BMG RCA Hamburg und BMG Berlin Musik). In 2003 wurden bisher (und das ist noch nicht das Ende) 50% der Arbeitsplätze gestrichen, Standorte Köln und Hamburg geschlossen. Bei der BMG Berlin arbeiten jetzt noch 15 Personen. Bei Universal, Warner, EMI und Zomba sieht es genauso aus.

  4. Downloads fördern unbekannte Künstler und machen diese bekannt
    Das wäre schön, leider sucht die Masse nur nach bekannten, d.h. mit einem gewissen Aufwand und auch mit Geld beworbenen Stücken und Künstlern. Um diesen Prozess anzuschieben bräuchte ein Label Geld für eben diese Werbung, dass es durch die fehlenden Verkäufe nicht hat. Und da ist er, der klassische Teufelskreis.
  5. Die Musik, die heute produziert wird, ist doch eh scheiße
    Vielleicht. Einfach gestrickte und trotzdem erfolgreiche Titel hat es immer gegeben und wird es auch weiterhin geben, das bedeutet in keiner Art und Weise das "gute" oder zuminderst andersartige Musik nicht mehr produziert würde. Am Ende zählt: Geschmäcker sind verschieden. Es ist wird niemand gezwungen zu kaufen.
  6. Das Radio spielt doch nur das gleiche, warum soll ich das kaufen?
    Wie bereits vorher gesagt: Kaufen muss niemand. Was nicht gefällt einfach stehen lassen. Nur klauen scheidet aus. Übrigens sind es die Radiostationen die ihre Programmauswahl zum Missfallen der meisten Labels und Musiker in den letzten Jahren geändert haben ("wir machen keine Hits, wir spielen sie"). Ein neuer, unbekannter Musiker ohne riesigen finanziellen Background hat heute keine reelle Chance im Radio gespielt zu werden, egal wie gut sein Song ist.
  7. Die schlechten Verkaufszahlen sind nur das Ergebnis der schlechten Wirtschaftslage
    Das mag teilweise stimmen, jedoch ist der Einbruch der letzten Jahre so überaus deutlich, dass dies niemals eine ernsthafte Begründung sein kann. Kids kaufen Handys, aber keine CDs. Ein Handy muss gekauft und aufgeladen werden, das geht nur gegen Kohle. Musik gibt es ja "umsonst" bei Kazaa. Wenige wissen, das mittlerweile mehr Umsatz mit Klingeltönen als mit Maxi-CDs gemacht wird – das sollte zu denken geben. Vom gekauften Klingelton bekommt der Künstler/Produzent/Label bisher nichts.
  8. Die sind selber schuld an den schlechten Verläufen durch diesen Kopierschutz
    Hier sind auch viele Menschen der Ansicht, das der Kopierschutz ein Fehler ist. Es kann nicht richtig sein das eine gekaufte CD nicht z.B. im Auto hörbar ist. Andererseits ist der Kopierschutz nur die, wenn auch misslungene, Antwort auf das massenhafte illegale kopieren. Nicht vergessen: Vor der Möglichkeit CDs in wenigen Minuten zu minimalen Kosten zu vervielfältigen existierten keine kopiergeschützten CDs.
  9. CDs sind zu teuer
    Ja! Dies ist jedoch nicht ausschließlich die Entscheidung der Labels. Zwischenhändler und Händler schlagen auf den hohen Preis oftmals nochmal viel auf, dies kann kein Label verhindern. Zudem hängt die Preispolitik auch von der Vorgabe durch Media Control ab. Eine Maxi-CD die z.B. für Euro 2,99 im Handel steht ist nicht chartfähig. D.h. würde die neue Madonna Single 1.000.000 Einheiten zum Preis von 2,99 verkaufen, würde diese nicht in den Top 100 Charts auftauchen./div>
  10. Früher wurde auch von Platte auf Kassette kopiert
    Das stimmt zweifelsfrei. Jedoch ist es ein Unterschied ob ich stundenlang Platten auflegen, sauber mache, einpegele, das Band korrekt spule, das Tape starte und die ganze Zeit während der Aufnahme davor sitze - oder ob ich innerhalb von 5 Minuten eine exakte 1:1 Kopie einer ganzen CD für 30 Cent erstellen kann.

Das Label Fazit: Das jetzt vorliegende neue Urheberrecht war aus deren Sicht lange überfällig. Musik ohne Geld kann auf Dauer einfach nicht funktionieren, so schön der Gedanke für den ein oder anderen auch sein mag. Junge Talente brauchen Zeit und damit Geld, um sich zu entwickeln oder manchmal auch um zu scheitern, das weiß vorher niemand. Ohne diese Prozesse wird die Welt in schnell gestrickten Marketing-Ideen à la Kübelböck ersticken und im Radio 24 Stunden nur Madonna laufen.

Lies auf der nächsten Seite das Statement, dass GEGEN das neue Urheberrecht spricht.

Ein mögliches Statement gegen das neue Urheberrecht

Wer ein Produkt allein durch Marketing verkaufen möchte und dabei die Qualität des Produkts mit Absicht verringert, darf sich eigentlich nicht wundern, wenn das Produkt dadurch auch zunehmend an Wert verliert. Wer gleichzeitig die Preise für das minderwertigere Produkt erhöht, wird sich wohl im Allgemeinen als ökonomischer Vollidiot bezeichnen lassen müssen.

Die 80er Jahre waren ein Schlaraffenland für die Branche. Mit dem Auftauchen der CD als neuer Standardträger für Audiodaten hatte sich eine Goldader aufgetan, an der schwer verdient worden ist. Nicht nur neue Musik konnte preiswerter produziert und vertrieben werden. Viele Musikliebhaber kauften sich damals die ohnehin schon auf Vinyl gekaufte Musik ein zweites Mal. Hier wurde mit minimalem Aufwand maximales Geld gemacht.

In der Zeit nach diesem Ansturm scheint man vor der Wahl gestanden zu haben, entweder mit Produktion und Vertrieb guter Musik zu beginnen, oder aber einen Weg zu finden, weiterhin mit geringster Eigenleistung viel Geld zu machen. Man entschied sich augenscheinlich für den zweiten Weg und fortan übernahmen die Marketingabteilungen der Labels die Herrschaft in den Chefetagen.

Es galt nämlich eine neue Zielgruppe als primäre Käufer des Produkts Musik ansprechen zu müssen - die Gelegenheitshörer. Menschen die Musik bevorzugt nebenbei konsumieren, die Mehrheit der Menschen also. Es begann die Zeit der schnell produzierten, Schnelldreher mit künstlich hoch gepushten Retorten-Stars, deren Halbwertzeit meist nicht über sechs Monaten lag. Ziel war es, Menschen, die in der Regel gar keine oder nur sehr wenige CDs kaufen, durch geschickte Werbung zu Käufern zu machen. Das funktionierte auch lange Zeit sehr gut und würde vielleicht auch weiterhin funktionieren, hätte man nicht verschlafen, dass zu der CD ein weiterer digitaler Datenträger gekommen ist - das Internet. Die halbherzigen und stümperhaften Versuche der Musikindustrie dort mit eigenen Portalen nachzuziehen scheiterten schon im Ansatz.

Kopien von Musik hat es immer schon gegeben und das war ja auch eine Art der Werbung: Wenn ich mir von einem Bekannten eine Audiokassette des Interpreten "XY" gezogen habe und sie mir gut gefallen hat, habe ich mir öfters auch eine der folgenden Platten selber gekauft. Von Diebstahl hat seinerzeit niemand gesprochen.

Nun ist es aber nicht mehr gut für die Musikindustrie, wenn potentielle Käufer Musik vor dem Kauf hören können, weil sie dadurch meist zu sicheren Nichtkäufern werden. Hinzu kommt, dass die primäre Zielgruppe eben keine Musikliebhaber mehr sind, sondern Menschen, die der Musik keinen sehr großen Stellenwert beimessen. Eigentlich logisch, dass sie aus diesem Grund auch nicht sehr viel Geld für Musik ausgeben möchten und eigentlich auch logisch, dass sie Angeboten gegenüber aufgeschlossen sind, die ihnen das Ganze auch noch kostenlos bieten.

Das Feindbild war gefunden. Nach Jahren fetter Gewinne und gigantischer Umsätze war nun plötzlich davon die Rede, dass die Existenz einer ganzen Branche gefährdet sei. Der Grund dafür liege in einer verbrecherischen Technik und dem Umstand, dass ein Großteil der Bevölkerung aus Dieben bestehe.

Mit dem neuen Urheberrecht hat die Musikindustrie erreicht, dass eben die Käufer, die durch Massenware und enormen Marketingbudgets erst zu Käufern wurde, in Zukunft aus Kriminellen besteht (sofern sie nicht die selbst gebrannten CDs vernichten). Über bewährte und einheitliche Standards (CD-A) wird man sich zukünftig hinwegsetzen können. Gute Musik wird der Musikliebhaber weiterhin suchen müssen, denn die wird zum Einen nicht beworben und zum Anderen oft gar nicht erst produziert werden, weil sie nicht massenkompatibel ist.

Der Gedanke, dass es ein Fehler war, Musik auf eine reine Ware zu beschränken, ist der Musikindustrie - zumindest den Großen dieser Branche - immer noch nicht gekommen. Es ist daher fraglich, ob dieses neue Urheberrecht zu einer Umsatzsteigerung führen wird. Im besten Fall werden die Kopierer und Tauschbörsensauger ihre Tätigkeiten mehr und mehr einstellen. Kaufen werden sie deswegen aber nicht.

gulli.com am 29. Feber 2012

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