Das Urheberrecht bot immer schon Anlass und Möglichkeiten zu zahlreichen Diskussionen. Das Thema ist wichtig und von daher Grund genug mit Denkanstößen und Gedanken am Laufenden gehalten zu werden. Wir versuchen die unterschiedlichen Standpunkte neutral zu beleuchten und meiden auch nicht die klassischen Klischees.
(im Rahmen eines Frage/Antwort Schemas)
Beantwortung gängiger "Vorurteilen", nachzulesen in schöner Regelmäßigkeit in vielen Internetforen und die mögliche Antwort darauf:
Es gibt keine Musikindustrie an sich, sondern in Deutschland die fünf großen Majors, einige "Indies" und sehr viele kleine Labels. Jede dieser Firmen verfolgt eine andere Geschäftspolitik und will letztlich mit dem Angebot "Musik" natürlich auch Geld verdienen. Das ist weder verwerflich noch verboten.
Zum Geld: Auch wenn es oft gepredigt wird stimmt es immer noch und ist vielleicht in den letzten Jahren noch extremer geworden: Ein Künstleraufbau kostet eine große Stange Geld da viel teure Werbung geschaltet werden muss - leider kauft Max Mustermann ihre CD im Kaufhaus vom größten Stapel. Werbung, Produktionskosten, Künstlerlizenzen, Herstellungskosten, Vertriebsabzüge, Handelsspanne = als das muss finanziert werden.
Die Realität sieht leider anders aus. Es konnte langfristig beobachtet werden dass kurz nachdem Musiktitel auf z.B. Viva beworben wurde, die Downloadzahl dieser Titel sprunghaft anstieg. Wer jetzt behauptet dass er den Titel, falls er ihn für gut befindet, trotzdem kauft, der lügt oder ist die absolute Ausnahme.
Das die muntere "Downloaderei" Opfer fordert und Vielfalt zerstört kann man ganz einfach belegen: die Musiksparte von Bertelsmann (BMG Music) hatte im Jahre 2000 vier unabhängig und untereinander konkurrierende Zellen (BMG München, BMG Köln Musik, BMG RCA Hamburg und BMG Berlin Musik). In 2003 wurden bisher (und das ist noch nicht das Ende) 50% der Arbeitsplätze gestrichen, Standorte Köln und Hamburg geschlossen. Bei der BMG Berlin arbeiten jetzt noch 15 Personen. Bei Universal, Warner, EMI und Zomba sieht es genauso aus.
Das Label Fazit: Das jetzt vorliegende neue Urheberrecht war aus deren Sicht lange überfällig. Musik ohne Geld kann auf Dauer einfach nicht funktionieren, so schön der Gedanke für den ein oder anderen auch sein mag. Junge Talente brauchen Zeit und damit Geld, um sich zu entwickeln oder manchmal auch um zu scheitern, das weiß vorher niemand. Ohne diese Prozesse wird die Welt in schnell gestrickten Marketing-Ideen à la Kübelböck ersticken und im Radio 24 Stunden nur Madonna laufen.
Lies auf der nächsten Seite das Statement, dass GEGEN das neue Urheberrecht spricht.
Wer ein Produkt allein durch Marketing verkaufen möchte und dabei die Qualität des Produkts mit Absicht verringert, darf sich eigentlich nicht wundern, wenn das Produkt dadurch auch zunehmend an Wert verliert. Wer gleichzeitig die Preise für das minderwertigere Produkt erhöht, wird sich wohl im Allgemeinen als ökonomischer Vollidiot bezeichnen lassen müssen.
Die 80er Jahre waren ein Schlaraffenland für die Branche. Mit dem Auftauchen der CD als neuer Standardträger für Audiodaten hatte sich eine Goldader aufgetan, an der schwer verdient worden ist. Nicht nur neue Musik konnte preiswerter produziert und vertrieben werden. Viele Musikliebhaber kauften sich damals die ohnehin schon auf Vinyl gekaufte Musik ein zweites Mal. Hier wurde mit minimalem Aufwand maximales Geld gemacht.
In der Zeit nach diesem Ansturm scheint man vor der Wahl gestanden zu haben, entweder mit Produktion und Vertrieb guter Musik zu beginnen, oder aber einen Weg zu finden, weiterhin mit geringster Eigenleistung viel Geld zu machen. Man entschied sich augenscheinlich für den zweiten Weg und fortan übernahmen die Marketingabteilungen der Labels die Herrschaft in den Chefetagen.
Es galt nämlich eine neue Zielgruppe als primäre Käufer des Produkts Musik ansprechen zu müssen - die Gelegenheitshörer. Menschen die Musik bevorzugt nebenbei konsumieren, die Mehrheit der Menschen also. Es begann die Zeit der schnell produzierten, Schnelldreher mit künstlich hoch gepushten Retorten-Stars, deren Halbwertzeit meist nicht über sechs Monaten lag. Ziel war es, Menschen, die in der Regel gar keine oder nur sehr wenige CDs kaufen, durch geschickte Werbung zu Käufern zu machen. Das funktionierte auch lange Zeit sehr gut und würde vielleicht auch weiterhin funktionieren, hätte man nicht verschlafen, dass zu der CD ein weiterer digitaler Datenträger gekommen ist - das Internet. Die halbherzigen und stümperhaften Versuche der Musikindustrie dort mit eigenen Portalen nachzuziehen scheiterten schon im Ansatz.
Kopien von Musik hat es immer schon gegeben und das war ja auch eine Art der Werbung: Wenn ich mir von einem Bekannten eine Audiokassette des Interpreten "XY" gezogen habe und sie mir gut gefallen hat, habe ich mir öfters auch eine der folgenden Platten selber gekauft. Von Diebstahl hat seinerzeit niemand gesprochen.
Nun ist es aber nicht mehr gut für die Musikindustrie, wenn potentielle Käufer Musik vor dem Kauf hören können, weil sie dadurch meist zu sicheren Nichtkäufern werden. Hinzu kommt, dass die primäre Zielgruppe eben keine Musikliebhaber mehr sind, sondern Menschen, die der Musik keinen sehr großen Stellenwert beimessen. Eigentlich logisch, dass sie aus diesem Grund auch nicht sehr viel Geld für Musik ausgeben möchten und eigentlich auch logisch, dass sie Angeboten gegenüber aufgeschlossen sind, die ihnen das Ganze auch noch kostenlos bieten.
Das Feindbild war gefunden. Nach Jahren fetter Gewinne und gigantischer Umsätze war nun plötzlich davon die Rede, dass die Existenz einer ganzen Branche gefährdet sei. Der Grund dafür liege in einer verbrecherischen Technik und dem Umstand, dass ein Großteil der Bevölkerung aus Dieben bestehe.
Mit dem neuen Urheberrecht hat die Musikindustrie erreicht, dass eben die Käufer, die durch Massenware und enormen Marketingbudgets erst zu Käufern wurde, in Zukunft aus Kriminellen besteht (sofern sie nicht die selbst gebrannten CDs vernichten). Über bewährte und einheitliche Standards (CD-A) wird man sich zukünftig hinwegsetzen können. Gute Musik wird der Musikliebhaber weiterhin suchen müssen, denn die wird zum Einen nicht beworben und zum Anderen oft gar nicht erst produziert werden, weil sie nicht massenkompatibel ist.
Der Gedanke, dass es ein Fehler war, Musik auf eine reine Ware zu beschränken, ist der Musikindustrie - zumindest den Großen dieser Branche - immer noch nicht gekommen. Es ist daher fraglich, ob dieses neue Urheberrecht zu einer Umsatzsteigerung führen wird. Im besten Fall werden die Kopierer und Tauschbörsensauger ihre Tätigkeiten mehr und mehr einstellen. Kaufen werden sie deswegen aber nicht.
gulli.com am 29. Feber 2012
Angefangen bei den notwendigen Grundlagen, welche das Wirkungsprinzip beim Filesharing erklären, über die verschiedenen Möglichkeiten und Tools, bis hin zu den wichtigen rechtlichen Details für Deutschland. Erfahre mehr: